| Handbuch der Evolutorischen Ökonomik | ![]() |
Eine wissenschaftliche Disziplin wie die junge und sich in Bewegung befindende Evolutorische Ökonomik zu charakterisieren, bringt die bekannten prinzipiellen Schwierigkeiten mit sich, wie sie auch sonst vom Modellieren komplexer und im Spannungsfeld divergierender Interessen stehender Untersuchungsgegenstände her bekannt sind. Man könnte in Abwandlung eines bekannten Bonmots einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten darin suchen, daß man erklärt, Evolutorische Ökonomik sei, was Evolutorische Ökonomen in ihren Forschungsbeiträgen tun. Allerdings ist dieses Argument vom Typ Die beste Karte einer Landschaft ist die Landschaft selbst wenig hilfreich für den interessierten Fragesteller, der - wie ein Modellbenutzer auch - die Nachteile einer möglicherweise unvollständigen und teilweise subjektiv konstruierenden Darstellung für den Vorteil einer Motivations- und Orientierungshilfe in Kauf zu nehmen bereit ist. In diesem Sinne ist der folgende Versuch eines Einblicks in die vom Ausschuß für Evolutorische Ökonomik vertretene wirtschaftswissenschaftliche Teildisziplin zu verstehen, der am Ende für den interessierten Leser auch einige Lektüreempfehlungen zu neuen Surveybeiträgen zur Evolutorischen Ökonomik enthält.
Die Evolutorische Ökonomik, oder Evolutionsökonomik, hat im weitesten Sinne Wandel in ökonomischen Systemen zum Gegenstand und ist demzufolge weniger an Zustandsbeschreibungen als vielmehr an Übergangsprozessen interessiert. Spezifischer formuliert geht es um den selbstorganisierten Wandel ökonomischer Systeme bei Auftreten von etwas Neuem. Dabei besteht im Gegensatz zur herkömmlichen dynamischen Analyse der Wirtschaftswissenschaft der Erkenntnisanspruch der Evolutorischen Ökonomik darin, das Neue sowohl hinsichtlich seiner Entstehungsbedingungen als auch hinsichtlich seiner Ausbreitung und Auswirkungen zu endogenisieren. Es geht also nicht nur um die mehr oder weniger komplexe Anpassung ökonomischer Systeme an exogene Datenänderungen, sondern um das selbstorganisierende Erzeugen neuer Bedingungen und dessen Auswirkungen auf ergebnis- und verlaufsoffene Prozesse innerhalb des untersuchten ökonomischen Systems.
Weitere für die Evolutorische Ökonomik konstitutionell wichtige Aspekte sind die Annahme der Heterogenität der Akteure, die anstelle repräsentativer Akteure einen Populationsansatz erforderlich macht, die Berücksichtigung echter Unsicherheit und das Aufgeben des Gleichgewichtsgedankens im thermodynamischen Sinne eines stationären Zustands sowie des prinzipiellen Optimierungsanspruchs. Die Verwendung der Begriffe Evolution und selbstorganisierter Wandel, oder Selbsttransformation, drückt aus, daß das Forschungsprogramm der Evolutorischen Ökonomik nicht auf mechan(ist)ische Analogien rekurriert, sondern auf Konzepte, die in der Biologie entwickelt wurden. Evolutionistische Konzepte spielen ebenfalls in anderen humanwissenschaftlichen Disziplinen wie der Anthropologie und der Soziologie, aber auch in der Molekularbiologie und -chemie oder der Erkenntnistheorie eine wichtige Rolle.
Das traditionelle Kernelement der modernen Evolutionsbiologie, das Variations-Selektions-Paradigma, hat auch für die Evolutorische Ökonomik eine zentrale Funktion. Dies wird z.B. in der naheliegenden Analogiebildung Innovation-Diffusion-Wettbewerb deutlich. Gerade am Unterschied zwischen zielgerichtet handelnden, soziablen und lernfähigen Subjekten und blind mutierten und der Selektion unterworfenen Organismen wird aber auch die Problematik des transdisziplinären Transfers wissenschaftlicher Heuristik und Analysemethoden aus der Biologie in die Ökonomik deutlich, die Evolutionsökonomen sehr wohl bewußt ist. Zudem ist die Variationskomponente im ökonomischen Kontext nicht nur durch Beliebigkeit gekennzeichnet, sondern unterliegt gewissen Beschränkungen und Vorstrukturierungen. Außerdem kann der Selektionsdruck in verschiedenen ökonomischen Systemen zu verschiedenen Zeitpunkten durchaus unterschiedlich sein, so daß das Spencersche Diktum des survival of the fittest und die damit postulierte zwangsläufige Tendenz zu Optimalität und damit letztlich zur besten aller Welten kein befriedigendes Erklärungskonzept liefern kann. Derartige Differenzierungen des Darwinistischen Paradigmas werden auch in der modernen Evolutionsbiologie verstärkt thematisiert.
Die Evolutorische Ökonomik hat sich - vergleichbar anderen Bindestrich-Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften wie z.B. die Umweltökonomik oder die Gesundheitsökonomik - als eigenständige Teildisziplin innerhalb der Wirtschaftswissenschaften erst seit Ende der achtziger Jahre etabliert. Hierzu leisteten u.a. die Monographie von R. Nelson und S. Winter An Evolutionary Theory of Economic Change von 1982 sowie die Forschungsarbeiten des Santa-Fe-Instituts in den siebziger und achtziger Jahren einen wesentlichen Beitrag. Inzwischen gibt es weltweit eine ganze Reihe von Forschungsgruppen und Institutionen auf dem Gebiet der Evolutorischen Ökonomik. Mehrere internationale Fachzeitschriften haben inzwischen einen evolutionsökonomischen Schwerpunkt, allen voran das Journal of Evolutionary Economics.
In ihren Wurzeln geht die Evolutorische Ökonomik auf Ökonomen wie F. A. v. Hayek, J. Schumpeter, T. Veblen, G. Shackle, N. Georgescu-Roegen und auch auf Th. Malthus, D. Ricardo und K. Marx zurück, um nur einige zentrale Namen zu nennen. Daß sie in ihrem wissenschaftlichen Erklärungsanspuch eher der Evolutionsbiologie nahesteht als der Physik, die die Neoklassische Ökonomik geprägt hat, erlaubt es allerdings nicht, einen Isomorphismus der evolutorisch-ökonomischen Herangehensweise mit dem neodarwinistischen Mutations-Selektions-Paradigma zu postulieren. Dies würde, wie zuvor erläutert, das inzwischen weitgefächerte Spektrum der Fragestellungen, Herangehensweisen und Analysemethoden der Evolutorischen Ökonomik unzulässig verkürzen. Und das um so mehr, als die von Darwin eingeleitete Revolution der Evolutionsbiologie zwar den zuvor vorherrschenden Lamarckismus und seine Theorie der Prägung des Genotyps durch erworbene Eigenschaften ablöste, im sozialwissenschaftlichen Kontext eine solche lamarckistische Prägung aber wie zuvor angesprochen durch gesellschaftliche und kulturelle Lern- und Entwicklungsprozesse sehr wohl anzutreffen ist - seien diese die intendierte oder unbeabsichtigte Folge bewußten und zielgerichteten Handelns.
Im Unterschied zu den meisten anderen wirtschaftswissenschaftlichen Teildisziplinen sieht sich die Evolutorische Ökonomik aber nicht als Differenzierung und Anwendungsfeld der neoklassischen Tradition. Ihr Bereich ist außerdem weder in methodischer Hinsicht noch hinsichtlich der Gegenstände auf einen Teilbereich der Ökonomik beschränkt. Man findet in der Literatur nicht-formale neben stark formalisierten evolutorischen Ansätzen, und wie schon die Liste der Ausschußmitglieder und die beiden Tabellen zu aktuellen Bestandsaufnahmen evolutorischer Forschungsaktivitäten unten zeigen, gibt es evolutorische Forschungsaktivitäten breit gestreut in unterschiedlichen ökonomischen Gegenstandsbereichen im mikro- wie im makroökonomischen Bereich und in theoretischen wie in empirischen Untersuchungen.
Trotz ihres Forschungsprogramms und ihrer heterodoxen Grundannahmen wäre es zur Frage der Abgrenzung der Evolutorischen Ökonomik von anderen Traditionen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften unzutreffend, einen eindeutigen Frontverlauf zwischen Evolutorischer Ökonomik mit der Leitwissenschaft Biologie auf der einen Seite und Neoklassischer Ökonomik mit der Leitwissenschaft Physik auf der anderen Seite zu konstruieren. Dies wird schon daraus deutlich, daß A. Marshall als einer der Begründer der neoklassischen Schule den Stellenwert der evolutionsbiologischen Denkweise für die Ökonomik besonders betonte. Es bleibt aber festzuhalten, daß die Evolutorische Ökonomik, ohne einen esoterische Sonderweg gehen zu wollen, von ihrem Erkenntnisgegenstand und ihrem Erkenntnisinteresse sowie von ihren alternativen methodischen Herangehensweisen her einen eigenen Stellenwert hat. Die beiden unten wiedergegebenen Tabellen zu aktuellen Bestandsaufnahmen evolutorischer Forschungsaktivitäten machen dies exemplarisch deutlich. Evolutorische Ökonomik kann somit nicht einfach unter den Mainstream subsumiert werden - solange unter Mainstream das von der neoklassischen Schule abgeleitete Forschungsprogramm verstanden wird.
Was sind nun im einzelnen die Fragestellungen und Erkenntnisgegenstände, die Herangehensweisen und Analysemethoden sowie die Anwendungsbiete und die Ergebnisse der Evolutorischen Ökonomik? Zu diesen Fragen liegt inzwischen eine Anzahl neuer Surveys in Journals und Buch- und Dictionarybeiträgen vor - eine Lektüreauswahl findet man unten. In diesem Beitrag seien als Antwort zwei aktuelle Bestandsaufnahmen evolutorischer Forschungsaktivitäten wiedergegeben: als erstes die Auswertung einer Fragebogenaktion unter den Mitgliedern des Ausschusses 1998 und 1999 sowie unter den Teilnehmern des IV. Buchenbach-Workshops über Evolutorische Ökonomik vom Mai 1999 und als zweites die aktuelle Themenliste des Handbuchs der Evolutorischen Ökonomik, das unter der Herausgeberschaft von Carsten Herrmann-Pillath (Universität Witten/Herdecke) und Marco Lehmann-Waffenschmidt (Technische Universität Dresden) in Vorbereitung ist und in zwei Bänden im Springer-Verlag erscheinen wird.