Kursbuch E-Mail-Projekt

1. Kultur


1.1. Definition von Kultur
1.2. Kultureller Relativismus - Fremdverstehen
1.3. Kulturschock
1.4. Stereotype
1.5. Manifestationen kultureller Unterschiede
1.6. kulturelle Schichten
1.7. Nationale Kulturen
1.8. Dimensionen von Nationalkulturen


1.1. Definition von Kultur

Es gibt unzählige Kulturdefinitionen. Die prägnanteste stammt von Geert Hofstede. In seinem Werk "Kulturen und Organisationen" (1991) nennt Hofstede Kultur "die Software des Geistes". Entsprechend dieser Ansicht ist Kultur die mentale Programmierung, die jedes Mitglied einer gegebenen Gemeinschaft, Organisation oder Gruppe erlebt und entsprechend derer er voraussichtlich folgerichtig handeln wird.

Kultur so verstanden enthält eine Menge "alltäglicher und gewöhnlicher Dinge des Lebens: begrüßen, essen, zeigen oder verbergen von Emotionen, Körperabstand zu anderen, lieben oder Körperhygiene" (Hofstede 1991, 5). Im Licht der obigen Definition ist es auch nicht schwierig, das Phänomen des Kulturschocks zu erklären: er ist die mentale Reaktion auf fremde "Software".

Für Thomas (1993) ist Kultur ein Orientierungssystem, das allen Mitglieder dieser Gemeinschaft vertraut ist.

"Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflußt das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzung zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung....
Zentrale Merkmale des kulturspezifischen Orientierungssystems lassen sich als sogenannte 'Kulturstandards' definieren. Unter Kulturstandards werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieser Kulturstandards beurteilt und reguliert.... Zentrale Kulturstandards einer Kultur können in einer anderen Kultur völlig fehlen oder nur von peripherer Bedeutung sein. Verschiedene Kulturen können ähnliche Kulturstandards aufweisen, die aber von unterschiedlicher Bedeutung sind und unterschiedlich weite Toleranzbereiche aufweisen. Kulturstandards und ihre handlungsregulierende Funktion werden nach erfolgreicher Sozialisation vom Individuum innerhalb der eigenen Kultur nicht mehr bewußt erfahren..." (Thomas 1993, S. 380 - 381).

Claus Altmayer (Kultur als Hypertext. Zur Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache. Iudicium Verlag München 2004) kritisiert eine solche Auffassung von Kultur als Komplex standardisierter Verhaltensmuster:

  • Sie unterstelle eine Einheitlichkeit sozialer Gruppen, die sich in dieser Form im Zweitalter der Globalisierung nicht aufrechterhalten ließe (besonders nicht in Bezug auf Nationen);
  • ein Kulturbegriff, der Individuen von außen auf bestimmte Standards festlegen will, fördere in hohem Maße das Denken in Stereotypen und Nationalklischees und stelle solche Denkweisen nicht - wie eigentlich notwendig - in Frage.

Altmayer schlägt folgende Definition vor:
Kultur sollte "als Bestand an in einer sozialen Gruppe vorliegendem gemeinsamen Wissen aufgefasst werden .., auf den sich die Mitglieder dieser Gruppe für die Definition von Situationen im Rahmen kommunikativen Handelns stützen können, den sie mithin implizit als lebensweltlichen Hintergrund voraussetzen können. .. Kultur im Sinne eines bei allem kommunikativen handeln vorausgesetzten gemeinsamen Wissens [kann] der wissenschaftlichen Analyse nur über ‚Texte' in einem weiten Sinn zugänglich gemacht werden." Das kollektive Wissen meint "die innerhalb der Gruppe zirkulierenden ‚Texte' im weiten Sinn ..., in denen gemeinsame Wissensbestände gespeichert sind und auf die sich auch Erinnerung allein stützen kann" (2004, S. 167).

Aufgabe 1:
Versuchen Sie, Ihrem Partner und mir drei für Sie wichtige Kulturstandards zu nennen und zu beschreiben.


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1.2. Kultureller Relativismus - Fremdverstehen

Möglichkeiten zum Zusammentreffen mit anderen Kulturen und mit Ansichten, die in ihnen ihren Ursprung haben, wachsen ständig. Reisen und Medien geben Einsicht in die Relativität unserer eigenen Kulturstandards. Es stellt sich heraus, dass unsere Wahrnehmung der Realität keineswegs universell ist. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass unsere Normen und Werte besser sind als die, an denen eine andere Kultur festhält.

Es gibt keine signifikanten Standards, um Kulturen hierarchisch anzuordnen. Was zu einer Zeit an einem Ort richtig ist, kann an einem anderen Ort falsch sein. Anthropologische Daten zeigen an, dass sogar moralische Richtigkeit oder Falschheit von Ort zu Ort variieren. Deshalb gibt es keine Rechtfertigung, eine Gruppe als besser / höher oder schlechter / niedriger als eine andere einzuschätzen.

Wenn man eine fremde Kultur beobachtet, ist ein gewisser vorübergehender Ausschluss des Urteilens notwendig. Man muss immer daran denken, dass die eigene Perspektive die Tendenz hat, subjektiv zu sein und das eine Kultur nur von innen beurteilt werden kann. Andererseits kann es sehr wertvoll sein, Fremdperspektiven auf die eigene Kultur zu projizieren.

Kultureller Relativismus kann allerdings zu einem schwierigen ethischen Problem führen. Wenn eine Kultur nur von innen beurteilt werden kann, wie sieht es dann mit Kulturen aus, die beispielsweise das Töten von Tieren oder Menschen billigen?

Hier könnte der Begriff Fremdverstehen weiterhelfen, den Claus Altmayer (2004) wie folgt definiert:

" ‚Fremdverstehen' heißt ..., dass Fremdsprachenlerner

  • bereit und in der Lage sind, die eigenen individuellen und/oder kulturellen kognitiven Schemata der Welt- und Wirklichkeitsdeutung zu relativieren und in Frage zu stellen;
  • die eventuelle ‚Fremdheit' und Unverständlichkeit von fremdsprachlichen Texten und Äußerungen prinzipiell auf diesen Texten/ Äußerungen möglicher Weise zu Grunde liegende andere und unbekannte kognitive Schemata zurückführen können;
  • die ‚fremden' Schemata als potenzielle Gründe, die für die mit fremdsprachlichen Texten und Äußerungen erhobenen Geltungsansprüche sprechen könnten, rekonstruieren können;
  • auf der Basis dieser Rekonstruktion der rationalen Gründe von Geltungsansprüchen dazu begründet Stellung nehmen, d.h. die Gründe als hinreichend akzeptieren oder als inakzeptabel zurückweisen können.

‚Fremdverstehen' im Sinne eines verstehenden, an Verständigung orientierten Umgangs mit Texten. Äußerungen oder ganz allgemein mit kommunikativen Handlungen einer anderen Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft ist also nicht gleichzusetzen mit ‚Empathie' oder dem Einnehmen einer ‚fremden' Perspektive bei gleichzeitiger Suspendierung des ‚Eigenen'; ‚Fremdverstehen ‚ ist auch nicht gleichzusetzen mit ‚Verständnis' im Sinne eines vorgängigen Einverständnisses, wonach alles ‚Fremde' allein deswegen als wertvoll anzusehen wäre, weil es fremd ist. Fremdverstehen ist vielmehr ein Prozess der auch kritischen Auseinandersetzung, der zwar von der Erwartung ausgeht, dass die kommunikative Handlung eines ‚Fremden' eine prinzipiell rationale und sinnvolle Handlung ist und mir möglicher Weise etwas Wichtiges zu sagen hat, in dessen Verlauf sich diese Erwartung aber auch als unbegründet erweisen kann. Und nicht zuletzt handelt es sich beim Fremdverstehen selbst wiederum um eine kommunikative Handlung, die ihrerseits verstanden werden muss und deren Geltungsansprüche ihrerseits der kritischen Prüfung durch die Kommunikationsgemeinschaft unterzogen werden können bzw. müssen, die also nicht an irgendeiner Stelle einen definitiven Abschluss finden kann." (Altmayer 2004, S. 70/71).


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1.3. Kulturschock

Zuerst sehen die Dinge in den Städten ganz gleich aus. Es gibt Taxis, Hotels mit heißem und kaltem Wasser, Theater, Neonlichter, sogar hohe Gebäude mit Fahrstühlen und ein paar Leute, die Englisch sprechen können. Ziemlich bald entdeckt der amerikanische Besucher, dass unter der bekannt scheinenden Oberfläche sehr starke Unterschiede existieren. Wenn jemand "ja" sagt, dann heißt das oftmals keineswegs "ja", und wenn die Leute lächeln, heißt das nicht immer, dass sie erfreut sind. Wenn der amerikanische Besucher eine hilfesuchende Geste macht, könnte er schroff abgewiesen werden; wenn er versucht, freundlich zu sein, passiert nichts. Leute sagen ihm, dass sie Dinge tun werden, aber sie tun sie nicht. Je länger er dort ist, desto rätselhafter sieht für ihn das neue Land aus ..." (Hall 1959, 59, zitiert und übersetzt nach Szafraniec 1997)

Ursprüngliches Wohlfühlen kann so umschlagen in Gefühle der Desorientiertheit und Unsicherheit. Dieser hypothetische Fall eines Amerikaners, der einen Kulturschock in Japan erlebt, wird den meisten bekannt vorkommen, die schon einmal längere Zeit im Ausland waren - oder zumindest den Versuch unternahmen, sich vorzustellen, wie es sein könnte, längere Zeit im Ausland zu sein.

Der "Erfinder" des Begriffes Kulturschock ist der amerikanische Anthropologe Oberg (vgl.: Oberg, Kalvero: Cultural shock: ajustment to new cultural environments, in: Practical Anthropology, 1960, Bd. 7, S. 177-182). Schon er teilte den Kulturschock in verschiedene Phasen ein und bis heute ist allen Kulturschock-Modellen die Vorstellung eines U-förmigen Verlaufes gemeinsam (nach Wagner: Kulturschock Deutschland, Rotbuch Verlag, Hamburg 1996, S. 19 f.):

1. Phase:
Euphorie
Die eigene Kultur wird nicht in Frage gestellt, man ist Zuschauer.
5. Phase:
Verständigung
Die unterschiedlichen kulturellen Spielregeln werden verstanden, geduldet, erlernt und geschätzt.
2. Phase:
Entfremdung
Erste Kontaktschwierigkeiten, man gibt sich selbst die Schuld.
4. Phase:
Missverständnisse
Konflikte werden als Missverständnisse, als Ergebnis der kulturellen Unterschiede wahrgenommen.
3. Phase:
Eskalation
Schuldzuweisungen an die fremde Kultur und Verherrlichung der eigenen Kultur.

Die kulturelle Kompetenz nimmt im Zeitverlauf zwischen Phase 1 und Phase 3 zunächst ab. Sie erreicht in der dritten Phase einen Tiefpunkt und steigt dann wieder an "wobei sie sich inhaltlich im Vergleich zur ursprünglichen Kompetenz verändert. Am Schluß haben die betroffenen Personen eine gleich hohe Kompetenz wie zu Beginn, nur eben jetzt als kulturelle Kompetenz in der fremden Kultur oder, noch besser, in beiden" (Wagner: Kulturschock Deutschland, Rotbuch Verlag, Hamburg 1996, S. 19 f.).

Ein Kulturschock muss nicht notwendigerweise alle 5 Phasen durchlaufen: bei einem kürzeren Aufenthalt kann man in Phase 1 oder Phase 2 steckenbleiben. Auch ein Verharren in Phase 3 ist möglich: interkulturelle Konflikte können in der Krise steckenbleiben und keinen Weg zur Verständigung finden. Andererseits können interkulturelle Begegnungen auch so konfliktfrei verlaufen, dass eine U-Kurve kaum festzustellen ist: Menschen mit einem hohen Maß an interkultureller Vorerfahrung und einer einheimischen Kontaktperson können den Kontakt zu einer neuen Kultur ohne Anzeichen eines Kulturschocks erleben (vgl.: Wagner: Kulturschock Deutschland, Rotbuch Verlag, Berlin 1996, S. 21 f.).

Wolf Wagner beschreibt übrigens in seinem Buch "Kulturschock Deutschland" (Rotbuch Verlag, Berlin 1996) die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen als die verschiedenen Phasen eines Kulturschocks und bringt sehr interessante Beispiele für deutsch-deutsche Missverständnisse, die aus der jeweils unterschiedlichen Sozialisation und kulturellen Erfahrung Ostdeutscher und Westdeutscher erklärt werden. Wolf Wagner schlägt vor, den Kulturschock zwischen Ost und West als Chance zu begreifen, indem Unterschiede zwichen Ost und West anerkannt und für gegenseitige (interkulturelle) Lernprozesse fruchtbar gemacht werden. Ein interessantes und für unsere Zwecke lesenswertes Buch!

Nach Dodd bezieht sich der Begriff "Kulturschock" auf die spezielle Übergangsperiode bei der Eingewöhnung in eine fremde Kultur. Er hat sehr viel mit Stress und Ängstlichkeit zu tun, bezieht sich aber vor allem auf die ganz persönlichen Gefühle, die eine bestimmte Person in der Zeitspanne von sechs Monaten bis zu einem Jahr erfährt, nachdem sie in einen neuen Kulturkreis hineingekommen ist. Fast jeder erleidet einen solchen Kulturschock, nur der Grad der Ausprägung ist individuell verschieden. Symptome können sein:

  • exzessive Sorge um die eigene Gesundheit,
  • Gefühle von Hilflosigkeit und Zurückweisung durch andere, Irritationen,
  • Angst, betrogen oder verletzt zu werden,
  • starkes Verlangen nach Hause und zu den Freunden zu Hause,
  • körperliche Stressreaktionen (Schweißausbrüche, Herzklopfen ...),
  • Ängstlichkeit und Frustrationen,
  • Einsamkeit,
  • defensive Kommunikation.

Dodd spricht von drei Stufen eines Kulturschocks:

  1. die Stufe "Alles ist wunderschön";
  2. die Stufe "Alles ist schrecklich";
  3. die Stufe "Alles ist in Ordnung", d.h. positive und negative Gefühle sind in Balance.

Dodd nennt folgende Strategien zur Überwindung eines Kulturschocks:

  1. Geduld haben und nicht frustriert sein.
  2. Neue Bekanntschaften schließen.
  3. Neue Dinge (Essen, Kleidung usw.) ausprobieren.
  4. Sich selbst Phasen der Ruhe und des Nachdenkens geben.
  5. Arbeit am Selbstkonzept, d.h. positive Gedanken fördern und negative Gedanken verdrängen (Selbstsuggestion: Ich bin gar nicht so schlecht; nicht nur ich habe Probleme - den anderen geht es ebenso.).
  6. Aufschreiben/ Tagebuch führen über gute und schlechte Erlebnisse; das hilft, Druck und Frustration abzubauen.
  7. Die Körpersprache der anderen Kultur beobachten. Enttäuschungen und Frustrationen ergeben sich oft, weil die von zu Hause gewohnten Gesten der Freundlichkeit und des Wohlwollens fehlen (hier sind einige weitere Informationen zum Thema Körpersprache).
  8. Die fremde Sprache lernen.

Dodd gibt folgende Hinweise zur Entwicklung interkultureller Fähigkeiten und Fertigkeiten beim Verstehen einer anderen Kultur:

  1. Respektiere die Würde und Persönlichkeit der anderen.
  2. Lass dich nicht von der Kritik, den Vorurteilen oder dem Verhalten der anderen negativ beeinflussen oder psychisch niederdrücken.
  3. Glaube nicht, dass du überall und von jedem gemocht oder akzeptiert werden musst.
  4. Arbeite an deiner Anpassungsfähigkeit, d.h. sich schnell an neue und unterschiedliche Situationen anzupassen - auch in bezug auf Situationen, die im Vergleich zur eigenen Kultur verschieden sind.
  5. Entwickle Eigeninitiative. Habe den Willen, Risiken einzugehen und öffne dich für neue kulturelle Erfahrungen.
  6. Beobachte, schau dich um und höre zu.
  7. Sei darauf eingestellt, einen Mangel an Privatleben auf dich zu nehmen. Deine eigene Privatsphäre ist vielleicht kein Faktor in einer anderen Kultur.
  8. Dränge deine eigenen politischen Werte nicht auf.
  9. Beachte die verschiedenen Rollen der Frau in unterschiedlichen Kulturen.
  10. Respektiere die fremden Traditionen.
  11. Gewöhne dich daran, Geduld zu haben. Verstehen braucht viel Zeit.
  12. Lerne, von dir selbst zu geben und von anderen zu empfangen.

Wenn man die Phänomene versteht, die mit kultureller Andersartigkeit verbunden sind, kann das die Probleme, die zu einem Kulturschock gehören, verringern. Darüber hinaus befähigt dieses Verstehen, die kritische Periode der Akkulturation besser zu nutzen. Diese Periode wird von Linguisten und Anthropologen häufig als eine "grundlegende kulturüberschneidende Lernerfahrung" (Brown, 173) interpretiert und man sollte aus dieser Erfahrung für sich einen größtmöglichen Nutzen zu ziehen.

Peter Adler (1972; zitiert und übersetzt nach Szafraniec 1997) beschreibt Kulturschock als "ein Zusammentreffen von Situationen oder Umständen, das mit interkultureller Kommunikation verbunden ist, in welcher das Individuum sich - als ein Resultat seiner Erfahrungen - seines eigenen Wachstums, seines Lernens und seiner Veränderung bewusst wird. Als ein Resultat des Prozesses 'Kulturschock' erfährt das Individuum eine neue Perspektive auf sich selbst und hat seine eigene Identität in für es selbst signifikanten Begriffen verstehen gelernt. Dazu kommt eine kulturübergreifende Lernerfahrung, die stattfindet, wenn das Individuum einer neuen Kultur begegnet und als ein Resultat (a) entdeckt, in welchem Grad er durch seine eigene Kultur beeinflusst ist und (b) die von ihrer Kultur abgeleiteten Werte, Einstellungen und Zukunftsvorstellungen anderer Menschen versteht."

In diesem Sinne sollte die Begegnung mit der jeweils anderen Kultur und Perspektive in diesem Seminar sowohl für die ausländischen als auch für die deutschen Studenten von Nutzen sein.

Einige Links zum Thema Kulturschock:

In einem "Lektürekurs Kulturschocktheorie" von Prof. Dr. Hartmut Schröder (Universität Viadrina Frankfurt/Oder) finden Sie u.a. studentische Essays zum Thema "Mein Kulturschock" und andere studentische Arbeiten zu diesem Thema

Aufgabe 2:
Versuchen Sie sich an Erfahrungen zu erinnern, die mit einem Kulturschock zu tun hatten. Erzählen Sie Ihren Partnern und mir davon.


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1.4. Stereotype

Eine Diskussion über kulturelle Stereotype kann wie folgt angeregt werden:

Wo können Sie in sich selbst irgendein Vorurteil gegenüber Angehörigen einer anderen Kultur oder sogar einer Subkultur (z.B. Menschen anderer Teile Ihres Landes) fühlen. Was sind die tiefsitzenden Ursachen dieses Vorurteils? Sollten Sie dieses Vorurteil überwinden? Wie könnte man es in Angriff nehmen, solche negativen Einstellungen auszurotten ? (nach Brown, S. 190).

Aufgabe 3:
Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner über diese Fragen aus!Schicken Sie mir einen kurzen Bericht!

Quasthoff (1989) definiert den Begriff Stereotyp wie folgt:

"Ein Stereotyp ist der verbale Ausdruck einer auf soziale Gruppen oder einzelne Personen als deren Mitglieder gerichteten Überzeugung. Es hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht. Linguistisch ist es als Satz beschreibbar. Es zeichnet sich durch einen hohen Verbreitungsgrad innerhalb der kulturellen Bezugsgruppe aus" (Quasthoff 1989, 39).

Ein Stereotyp ist also "ein standardisiertes mentales Bild, das von den Mitgliedern einer Gruppe geteilt wird" (Websters New Collegiate Dictionary; übersetzt durch Ulrich Zeuner) Dieses mentale Bild repräsentiert "eine stark vereinfachte Meinung, eine gefühlsmäßige Einstellung oder eine unkritisches Urteil" (Websters New Collegiate Dictionary; übersetzt durch Ulrich Zeuner). Stereotype haben zwei herausragende Merkmale. Sie sind kollektiv (d.h. immer geteilt von einer Gruppe, ihr "Leben" ist abhängig von einer Gruppe von "Anhängern/ Befürwortern") und sie unterscheiden nicht (d.h. sie sind generalisierend und unkritisch in den Urteilen und Informationen, die sie enthalten).

Wie entstehen Stereotype?

"Der Ausgangspunkt ... ist die Kontrasterfahrung. ... Als typisch definiert man im allgemeinen Besonderheiten, die von dem abweichen, was man selbst als normal betrachtet..." (Bausinger 2000, 19)

Häufig wird der Begriff "Stereotyp" mit dem Begriff "Vorurteil" gleichgesetzt. Dazu schreibt Bausinger:

Der Begriff Vorurteil "stellt gewissermaßen eine Steigerung von Stereotyp dar. Während mit dem Begriff Stereotyp auch schrullige Harmlosigkeiten ins Auge gefaßt werden, sind Vorurteile oft Elemente von Feindbildern.
Wenn Typisierungen unversehens ins Negative abzugleiten drohen und manchmal fast automatisch feindseligen Haltungen zuarbeiten - sollte man dann nicht grundsätzlich darauf verzichten? Diese Empfehlung ist gut gemeint, aber naiv. Typisierung ist ein wichtiges Instrument der Erkenntnis, der Orientierung - und sie ist so fest in der Sprache angelegt, daß sie schon deshalb nicht vermeidbar ist. Jeder Benennung liegt eine Typisierung zugrunde ...." (Bausinger 2000, 17).

Damit sind wir bei Funktionen von Typisierungen und Stereotypen: In der Kommunikation bieten Stereotype eine Hilfe bei der Einschätzung und Bewertung von Situationen und helfen so, kommunikative Situationen zu beherrschen. Sie haben eine Entlastungsfunktion in Konfliktsituationen und sie erleichtern die Orientierung und das soziale Verhalten auch in neuen und damit unsicheren Situationen (vgl. Bußmann 1983, 504). Der Vorteil von Stereotypen ist, dass sie helfen, kulturelle Informationen zu verinnerlichen und zu systematisieren.
"Es ist ziemlich richtig zu sagen, dass Amerikaner bei Entfernungen in ziemlich weiten Kategorien denken (60 Meilen sind eine kleine Spritztour) und dass Franzosen Entfernungen in engeren Kategorien sehen (60 Meilen oder 100 Kilometer sind eine ziemliche Entfernung beim Reisen). So kann die vorsichtige / bedachtsame Ansammlung von stereotypisierten Bildern einer Person helfen, eine andere Kultur im allgemeinen und die Unterschiede zwischen dieser und der eigenen Kultur zu verstehen" (Brown, 167).

Der Hauptnachteil des Stereotypisierens ist, dass damit unterschiedliche Grade an Genauigkeit und Richtigkeit verbunden sind. Stereotype Sichtweisen werden oft unterschiedslos auf alle Mitglieder einer gegebenen Gruppe angewendet. Die das tun, ignorieren die Tatsache, dass ein Stereotyp, selbst wenn er richtig ist, nur eine Tendenz und nicht ein universelles Gesetz ausdrückt. Und einige Stereotype sind nicht nur ungenau, sondern rundweg falsch.

Bausinger schreibt zur Funktion von Typisierungen und Stereotypen:

"Man kann fast von einer Beschwörungsfunktion sprechen: Das in Wirklichkeit höchst komplizierte und schwer durchschaubare Fremde wird in ein überschaubares Muster gebannt, das als erklärendes Ordnungsschema dient. Wer in ein fremdes Land kommt, sucht mehr oder weniger automatisch nach festen Charakteristika und ist zunächst schnell bereit, von Einzelbeobachtungen aufs Ganze hochzurechnen ..."
Bei Stereotypen "handelt es sich vielfach um Vereinfachungen, die sich nicht ohne weiteres widerlegen lassen, weil sie die Beobachtung steuern, die Wahrnehmung mitbestimmen. Vorurteile werden manchmal als Urteile und Wertungen definiert, die nicht auf eigener Erfahrung beruhen. Das ist eine irreführende Definition, denn Vorurteile sind auch Filter der Erfahrung; sie stellen die Kategorien bereit, in die Erfahrungen vielfach gerinnen. Und sie sind Mittel der Abgrenzung, welche die Besonderheiten und meist auch den Wert der eigenen Kultur absichern: Typisierungen als Kontrastprogramm." (Bausinger 2000, 25-26).

Um erfolgreich mit Stereotypen arbeiten zu können sollte man an das hier Gesagte denken und dort mit persönlicher Sensibilität vorgehen, wo die Klischees diese vermissen lassen. "Der destruktivste Aspekt des Stereotypisierens ist der, der Menschen aus einer anderen Kultur geringschätzig bewertet oder betrachtet" (Brown, 165).

Beispiele für Stereotype sind leicht zu finden:

Beispiel 1:(Husemann, 1993, S. 385)

"Die Europlaner haben für 1992 eine neue Horrorvision. Im Euro-Himmel sind:

  • Engländer die Polizisten,
  • Franzosen die Köche,
  • Deutsche die Ingenieure,
  • Schweizer die Beamten,
  • Italiener die Liebhaber.

In der Euro-Hölle sind:

  • Deutsche die Polizisten,
  • Engländer die Köche,
  • Italiener die Ingenieure,
  • Franzosen die Beamten,
  • Schweizer die Liebhaber."

Beispiel 2:

Aus der Zitatenkiste: "Ja, die Weiber sind gefährlich." (Heinrich Heine)
"Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche." (Heiner Müller)
"Mensch ist Mensch." (Theodor Fontane)
"Der Deutsche fügt sich ..." (Immanuel Kant)
"Außerdem aber kann sie schreiben. Und denken. Und sehen. Kurz: Keine Frau." (Kurt Tucholsky)

Beispiel 3: Quelle: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt

Beispiel 4: (nach Wagner, 1996, 162)

Westdeutsche Ostdeutsche
bezeichnen sich selbst als
  • selbständig,
  • unabhäng,
  • sensibel,
  • authentisch,
  • kritisch (auch gegen das Elternhaus).
bezeichnen sich selbst als
  • herzlich,
  • gefühlvoll,
  • zugewandt,
  • mit guten Erinnerungen an das Elternhaus.
bezeichnen Ostdeutsche als
  • altmodisch,
  • unreflektiert,
  • naiv,
  • gefühlsduselig.
bezeichnen Westdeutsche als
  • kalt,
  • berechnend,
  • unzuverlässig,
  • versponnen,
  • kompliziert.

Weiteres zum Stereotyp Ostdeutsch-Westdeutsch siehe weiter unten!

Aufgabe 4:
Wählen Sie von oben drei Beispiele für Stereotype aus! Welche Stereotype haben Sie in diesen Texten bzw. Bildern entdeckt?
Welchen Typisierungskonzepten (vgl. die folgende Tabelle nach Bettermann 1996/97) ) würden Sie diese Stereotype zuordnen (bitte begründen!)? Schicken Sie mir einen kurzen Kommentar.

Typisierungskonzepte Sprachformel
nach dem Verhältnis zur Außenwelt (z.B.: extrovertiert; introvertiert ....) "Ein introvertierter Typ."
"Ein geselliger Typ."
nach Lebensformen, Werthaltung zu Kulturbereichen (z.B.: theoretisch- ökonomischer Typ; ästhetisch-religiöser Typ; Machtmensch) Ergebnis einer Studie: ostdeutsche Lehrer = autoritär; westdeutsche Lehrer = Narziss
nach Charakter (z.B.: dominant; autoritär; narzistisch; hortend, produktiv ...) Narziss oder Sadist - das ist (hier) die Frage!
nach Temperament (z.B.: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker) "Ein cholerischer Typ!"
"Mit Verstand verbundenes Phlegma" (I. Kant über den Deutschen)
nach dem Geschlecht Typisch Mann! - Typisch Frau!
nach dem Aussehen "trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hoher Wuchs" (Tacitus über die Germanen)
nach der Konstitution (z.B.: Pykniker, Athletiker, Leptosome) "Ich bin mager, welche Pein, mager wie ein Suppenbein" (K. Valentin).
nach der Mode (z.B. Haut, Haar, Augen) Sie sind ein Sommertyp, meine Dame."
nach dem Gemüt "Er ist ein ruhiger Patron.""Sitte malte derbe, sinnenfrohe Typen."
nach der Ausstrahlung "M.J., B.B. und M.M. sind Wahnsinnstypen!!"
nach sozialer Gruppe "Biedermann und die Brandstifter" (Max Frisch)
nach nationaler Gruppe "Typisch deutsch, englisch ...!"
nach politischer Gruppe Joschka Fischer ist ein Grüner.
nach Lebensstil "Mein Bruder lebt total alternativ."
"Ich bin ein Stino (Stinknormaler)!"

Noch ein paar Links zum Thema Stereotype:

Zum Stereotyp Ostdeutsch - Westdeutsch hier noch ein paar Literaturempfehlungen für lange Abende:

  • Conrad Lay/ Christoph Potting (Hrsg): Gemeinsam sind wir unterschiedlich. Deutsch-deutsche Annäherungen. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995 (Diese Arbeitshilfe für die politische Bildung kann man kostenlos erhalten, wenn man das Material für die Unterrichtsvorbereitung einsetzen will: Bundeszentrale für politische Bildung, Berliner Freiheit 7, 53111 Bonn)
  • Winfried Gebhardt, Georg Kamphausen: Zwei Dörfer in Deutschland. Mentalitätsunterschiede nach der Wiedervereinigung. Leske und Budrich, Opladen 1994.
  • Leo Ensel: Warum wir uns nicht leiden mögen... Was Ossis und Wessis voneinander halten. agenda Verlag, Münster 1993
  • Wolf Wagner: Kulturschock Deutschland. Rotbuch Verlag, Hamburg 1996

Und ein paar Links zum Thema:


Idee für Dossier
Wenn man die Stereotype in den Beispielen oben so stehen lässt, sind sie nichts anderes als eine bedeutungslose Liste von Plattheiten, aber jedes Element für sich genommen könnte Ausgangspunkt für eine tiefergehende Forschungsarbeit, für ein Dossier sein. Ziel solche einer Arbeit wäre darauf zu antworten, warum Kultur X so wahrgenommen wird oder warum eine Personengruppe in Kultur Y so gesehen wird. Es wäre zu bestimmen, ob es irgend eine Wahrheit in diesen Klischees gibt und bis zu welchem Grad sie wahr sind. Die Quellen sind ein unerlässlicher Teil einer solchen Studie und sie könnten Fragebögen, Interviews, Statistiken, Literatur, Filme usw. einschließen.


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1.5. Manifestationen kultureller Unterschiede

Nach Hofstede offenbaren sich Kulturunterschiede durch eine Anzahl von Phänomenen, die er unter vier Kategorien gruppiert:

  • Symbole,
  • Helden oder Vorbilder,
  • Rituale
  • und Werte.

Diese vier Kategorien ordnet er in einem Diagramm wie die Schalen oder Schichten einer Zwiebel an (Zwiebeldiagramm): den inneren Kern bilden die Werte, darum herum liegen als zweite Schicht die Rituale. Diese sind umgeben von den Helden oder Vorbildern und die äußere Schicht bilden die Symbole. Durch alle Schichten hindurch reichen die Praktiken der jeweiligen Kultur.

Symbole
sind Dinge (Wörter, Gesten, Bilder, Farben, Objekte usw.), mit denen eine bestimmte Bedeutung verknüpft ist, die nur für die Angehörigen der jeweiligen Kultur erkennbar ist. Zu Symbolen werden gezählt:

  • Wörter, idiomatische Wendungen, Jargon, Akzent (sprachliche Symbole);
  • Markennamen, Kleidung, Frisur, Schmuck, Anstecker, Farben (Modesymbole);
  • Flaggen, Statussymbole;
  • Monumente und Wahrzeichen;
  • kulturelle Artefakte, d.h. alles von Menschen in dieser Kultur künstlich Hergestellte.

Helden oder Vorbilder
sind Personen - lebende, historische oder erfundene -, die die Qualitäten haben, die für eine gegebene Gruppe oder Gesellschaft als bedeutsam betrachtet werden. Helden können zu Trendsettern werden; die Dinge, die sie kennzeichnen, können sich zu Symbolen für eine ganze Gruppe entwickeln.
Beispiele für Helden können gefunden werden bei

  • Figuren aus der Werbung;
  • Sport-, Musik- und Filmstars;
  • historischen oder erfundenen Personen.

Rituale
sind konventionalisierte Verhaltensmuster, die in bestimmten Situationen ablaufen: Begrüßung, Small-Talk, Verhalten, das den Ausdruck von Zustimmung oder Ablehnung begleitet usw. Rituale sind redundante Praktiken, sie tragen keine spezifische, originale Botschaft. In vielen Situationen sind sie mit der Etikette verbunden, mit dem guten Benehmen, aber sie werden auch durch die Mode beeinflusst.

Eine wichtige Rolle bei den Ritualen spielen die Gesprächsroutinen. Mit diesem Begriff bezeichnen Linguisten "Ausdrücke, deren Auftreten an spezifische, in hohem Maße voraussagbare Situationen gebunden ist" (Coulmas 1991, zitiert nach House 1996/2). Einige dieser Ausdrücke bestehen aus festen Wendungen (z.B. "How are you?"), andere sind Sprachmuster mit mehr oder weniger offen Stellen (z.B. "Can you do P?"). Zu den Gesprächsroutinen gehören auch Gesprächseröffnungen, sogenannte "Schmier- oder Gleitmittel" des Diskurses, die verwendet werden, um Kontakte zu beginnen, aufrecht zu erhalten oder zu beenden (House 1996/2, 232).

A: Are you leaving?
B: Yes well I don't think so.

Das 'Yes' in B's Antwort ist ein Ritual in dem Sinne, als es nur dazu dient zu bestätigen, dass die Frage gehört wurde und beantwortet werden wird. Es steht in keiner Beziehung zu der Botschaft selbst, die durch den Satz übermittelt wird.

Werte
bilden die innere Schicht von Hofstedes Zwiebel-Diagramm. Das sind wesentliche Angelpunkte für eine gegebene Gemeinschaft oder Gruppe, die den roten Faden der Lebensorientierung dieser Gruppe bilden. Werte sind gleichzusetzen mit Prioritäten: eine bestimmte Wertvorstellung annehmen bedeutet, dass man dazu neigt, den gegebenen Zustand vor anderen zu wählen.
Werte werden in einer gegebenen Gemeinschaft respektiert, was nicht heißt, dass allgemein und ständig an ihnen festgehalten wird. Man hält sie für bedeutsam, aber es kann auch Kompromisse geben.

Soziale Werte in verschiedenen Ländern in Prozent. Nach B. Englis (Hrsg.): Global and Multinational Advertising. LEA Publishers, UK, 1994, S. 59:

Werte Frankr. BRD Dänem. Norw. USA UdSSR Japan
Selbstverwirklichung 30,9 4,8 7,1 7,7 6,5 8,8 36,7
Sinn für Eigentum 1,7 28,6 13,0 33,4 5,1 23,9 2,3
Sicherheit 6,3 24,1 6,3 10,0 16,5 5,7 10,9
Selbstrespekt 7,4 12,9 29,7 16,6 23,0 10,1 4,7
Warme Beziehungen mit anderen 17,7 7,9 11,3 13,4 19,9 23,3 27,6
Spaß am Leben haben 16,6 10,1 16,8 3,6 7,2 9,7 7,5
Gut angesehen sein 4,0 6,1 5,0 8,4 5,9 8,5 2,1
Sinn für Leistung 15,4 5,4 10,9 6,8 15,9 10,1 8,3

Das Zwiebel-Diagramm verdeutlicht die unterschiedliche Zugänglichkeit und Dauerhaftigkeit der entsprechenden Schichten. Die Symbol-Schicht ist leicht entdeckt und wird ebenso leicht beherrscht bzw. imitiert. Das liegt auch daran, weil sie vielfachen Änderungen unterworfen ist. Was heute als trendsetzend betrachtet wird und nur einer kleinen Gruppe bekannt ist, kann morgen ein populärer Trend und nach ein paar Monaten bereits wieder vergessen sein (das betrifft z.B. besonders Treffpunkte wie Cafés oder Diskos).

Werte bilden das gegensätzliche Ende des Diagramms: Sie sind nicht leicht zugänglich und sie sind die dauerhaftesten Bestandteile eines kulturellen Systems. "Entwicklungspsychologen glauben, dass die meisten Kinder in einem Alter von 10 Jahren bereits ihr grundlegendes Wertesystem angeeignet haben und dass nach diesem Alter Veränderungen schwierig sind. Weil wir sie so zeitig im Leben erworben haben, bleiben viele Werte ihren Besitzern unbewusst" (Hofstede 1991, 8). Das ist der Grund, warum Werte nicht leicht zu beobachten oder in Sprache zu fassen sind. Normalerweise kann auf Werte nur rückgeschlossen werden.

Aufgabe 5
Beschreiben Sie ein spezifisches Zwiebel-Diagramm für Ihre eigene (Sub-)Kultur; versuchen Sie die repräsentativsten Symbole, Helden, Rituale und Werte zu erfassen. Schicken Sie mir und Ihrem Partner das Ergebnis zu.

Beispiele aus Antworten finden Sie, wenn Sie hier klicken.


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1.6. kulturelle Schichten

Wenn man eine andere Kultur beobachtet, sollte man nicht vergessen, dass die kulturellen Eigenheiten, mit denen man konfrontiert wird, normalerweise nicht auf einen einheitlichen Hintergrund zurückgeführt werden können. Sie können eher einer ganzen Zahl kultureller Faktoren zugewiesen werden, die Hofstede die Schichten der Kultur nennt. Dazu gehören

  • nationale, regionale, ethnische, religiöse oder sprachliche Zugehörigkeiten,
  • Geschlecht,
  • Alter,
  • soziale Schicht,
  • ausgeübter Beruf usw.

Jede dieser Schichten kann ihre eigene Serie kultureller Eigenschaften (d.h. eigene Symbole, Helden, Rituale, Werte) zur Folge haben. Die kulturellen Eigenschaften bestimmter Serien können sich gegenseitig widersprechen. Um eine bestimmte kulturelle Eigenschaften zu verstehen, ist es notwendig, sie bis zu der zu ihr gehörenden Schicht zurückzuverfolgen. Die Benutzung von Slang kann zum Beispiel eine soziale Schicht kennzeichnen oder aber das Hingezogensein zu einer spezifischen Jugendkultur demonstrieren.

Aufgabe 6:
Es geht in dieser Aufgabe darum, die Symbole, Vorbilder, Rituale und Werte, die Sie in Aufgabe 5 herausgefunden haben, zu befragen, inwieweit sie von der spezifischen kulturellen Schicht (nationale, regionale, ethnische, religiöse oder sprachliche Zugehörigkeiten, Geschlecht, Alter, soziale Schicht, ausgeübter Beruf usw.) herrühren, aus der Sie stammen. Mit anderen Worten: Sind Ihre ganz persönlichen Symbole/Rituale/Vorbilder/Werte davon beeinflusst, daß Sie zum Beispiel eine deutsche Studentin aus Sachsen, atheistisch, weiblich, Mitte 20 sind, aus der Mittelschicht stammen usw.... Vielleicht hilft auch folgende Überlegung: Hätten Sie andere Rituale/Vorbilder/Symbole/Werte, wenn Sie männlich wären, aus Bayern stammten, katholisch wären usw....?

Schicken Sie mir und Ihrem Partner das Ergebnis Ihres Nachdenkens zu.


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Zuletzt bearbeitet: 20.04.2005/ Dr. Ulrich Zeuner