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RESTITUERE, RENOVARE, REFORMARE - Die karolingischen Reformen - ein Überblick

 

1). Vorwort

Im Rahmen des Proseminars der französischen Literaturwissenschaft im WS 1999/2000 an der TU Dresden haben wir uns mit den karolingischen Reformen beschäftigt. Das Ergebnis unserer Untersuchung ist auf den folgenden Seiten nachzulesen. Wir danken Herrn Dr. Mann für die Möglichkeit unsere Arbeit in dieser Form präsentieren zu können, so dass wir neben dem Fachwissen auch noch Kenntnisse im Umgang mit dem Medium Internet erwerben konnten. Da wir diese Arbeit zu zweit verfasst haben, wird am Ende jedes Kapitels der Autor gekennzeichnet.


2). Einleitung

Für die Konkretisierung und Umsetzung der eigentlich nicht ganz neuen Ideen für eine Kirchen- und Bildungsreform unter Karl dem Großen kursieren die verschiedensten Bezeichnungen. Am häufigsten findet man die Verbindungen "karolingische Reform" und "karolingische Renaissance". Es ist interessant zu untersuchen, welcher Begriff die Gegebenheiten besser beschreibt. Dabei stellt man fest, daß es gar nicht so einfach ist, die Entwicklung dieser Zeit klar zu betiteln.


Auf den ersten Blick scheint der Ausdruck der Renaissance gut zu passen: Renaissance bedeutet Wiedergeburt, bedeutet Aufschwung auf einem oder mehreren Gebieten. Das illustriert den Prozeß der langsamen Wiederentdeckung der Antike und überhaupt der Wissenschaften unter Karl. Andererseits läßt der Begriff der Renaissance beinahe sofort Gedanken an die Umbrüche zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert aufkommen - der Epoche nämlich, in der ausgehend vom Humanismus der Mensch wieder mehr ins Zentrum der bildenden Kunst, Malerei und Naturwissenschaft rückte und antike Philosophien kirchliche Dogmen ersetzten.
Nun war der Aufschwung der Kultur unter Karl dem Großen aber neben der Wiederentdeckung der Antike vor allem eine Umgestaltung, eine planmäßige, systematische Ausweitung des Bildungswesens auf der Grundlage der Ideen Pippins, Karlmanns bzw. des Heiligen Bonifatius.

Es war also eine Reform, was auch die Formel "restituere, renovare, reformare" aus dieser Zeit unterstreicht. Es handelte sich um bewußte, zielbezogene Maßnahmen hin zu einer gottgewollten Ordnung. Nach J. Fleckenstein hebt dieses gerichtete Handeln sich vom Charakter einer Renaissance ab, die doch viel spontaner und aus einem inneren Bedürfnis heraus entstehe 1

Und tatsächlich besteht zwischen der Orientierung an der Antike im 8. und im 14. Jahrhundert ein erheblicher Unterschied: Während im achten Jahrhundert antike Texte nicht zum Selbstzweck, sondern als Weg zum wahren Ziel genutzt wurden und daher auch nur ein bestimmter Teil der antiken Literatur zu Rate gezogen wurde, spielte in der Renaissance das Menschenbild der Antike eine große Rolle, und das antike Leben und Schaffen wurden idealisiert. Natürlich könnte man nun wieder einwenden, daß Inschriften wie die auf der ersten Kaiserbulle Karls, wo man "Renovatio Romani Imperii" lesen konnte, eindeutig auf eine Renaissance hindeuten. Es bleibt also jedem selbst überlassen, für sich den besseren Begriff zu wählen oder gar einen neuen zu prägen, doch meiner Ansicht nach überwiegen die Punkte, die für die Bezeichnung "Reform" sprechen.

Der Zusatz "karolingisch" ist in vollem Maße gerechtfertigt, da all’ diese Maßnahmen in der Tat von Karl dem Großen ausgingen: Die Berufung der Gelehrten an den Hof war seine Leistung; er verteilte die Aufgaben, die sie zu bewältigen hatten. Zum Teil nahm er selbst am Unterricht in der Hofschule teil, zeigte ein reges Interesse an der Wissenschaft. Er selbst sah sich deshalb als rex et philosophus, rector populi Christiani oder rex et sacerdos und wurde von der Mehrzahl der Menschen als der erwählte Vertreter Gottes auf Erden bezeichnet, bei dem sich der rechte Glaube, eine siegreiche Macht und gottverbundene Weisheit bündelten. Er war gleichzeitig das Oberhaupt des Staates und der fränkischen Kirche, verband beide miteinander und wurde in dieser Funktion sogar vom Papst akzeptiert. Durch seine alles beherrschende Stellung war es ihm natürlich auch möglich, die Reformen zu erzwingen, wo sie nicht von selbst anliefen, wie er es wünschte.

Wenn man nun von der karolingischen Reform spricht, bedeutet das zum einen, daß Karl der Große die dominierende Gestalt war, doch es heißt zugleich, daß die einzelnen Maßnahmen auch von Karls Nachfolgern weitergeführt wurden. (AN)

3). Die Kirchenreform

Für Karl den Großen war es ganz natürlich, dass die Hoheit über die Kirche zu seinen Herrschaftskompetenzen gehörte. Er verstand sich als Mittler zwischen Gott und seinen Untergebenen und fühlte sich gleichzeitig für sie vor Gott verantwortlich. Es war ihm ein wichtiges Anliegen, die Kirche so zu reformieren, dass sie ihrer Aufgabe optimal nachkommen konnte. Schon zur Zeit der Regierung der Merowinger war die Kirche eng mit der weltlichen Herrschaft verbunden. So war es eine logische Folge, dass beim Untergang des Merowingerreiches auch die Kirche verfiel. Die Notwendigkeit der Kirchenerneuerung erkannte aber nicht erst Karl der Große. Bereits Ende des 7. Jahrhunderts, als Pippin der Mittlere als Majordomus über das Frankenreich regierte, waren irische und angelsächsische Mönche auf das Festland gekommen, um zu missionieren. Durch ihre Anwesenheit trat der desolate Zustand der fränkischen Kirche besonders deutlich zutage. Sie wurde ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht.


Die Reform ging aber letztendlich nicht von der fränkischen Kirche aus, sondern wurde einerseits von Bonifatius, einem angelsächsischen Missionar und andererseits von den Söhnen Karl Martells, Karlmann und Pippin, in Angriff genommen. Bonifatius hatte die Notwendigkeit der Erneuerung längst erkannt, konnte aber ohne die Unterstützung der einheimischen Kirche nichts ausrichten. Erst 742, als Karlmann und kurz darauf auch Pippin die Sache selbst in die Hand nahmen und Bonifatius mit der Reorganisation der Kirche beauftragten, konnte er mit der Arbeit beginnen. Die weltlichen Herrscher, Karlmann und Pippin behielten aber die ganze Sache unter ihrer Kontrolle. So gelang es wieder nicht, weltliche und kirchliche Belange zu trennen. Eine wichtige Veränderung für das Frankenreich ist in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen. Bonifatius erkannte die Autorität des Papstes an und erbat Anweisungen von ihm für seine Aufgabe, die dieser auch gerne erteilte. So wurde das kanonische Recht im fränkischen Reich eingeführt und der Einfluss des Papstes auf die dortige Kirche verstärkt.

Wichtige Anliegen der Reform waren die Wiedereinberufung und jährliche Abhaltung von Synoden, die es, wie Bonifatius2 an Papst Zacharias zu Beginn von dessen Amtszeit schreibt, schon seit über achtzig Jahren nicht mehr gegeben hatte. Außerdem wurden neue Bischofssitze eingerichtet, unwürdige Geistliche abgesetzt , der Aberglaube, der sich mit dem Verfall der Kirche von neuem ausgebreitet hatte, hart, aber nicht immer erfolgreich, bekämpft. Sogar Grafen wurden verpflichtet, gegen heidnische Gebräuche vorzugehen. Auch versuchte man sich über die Rückgabe eingezogenen Kirchengutes zu einigen, was aber nur kompromissweise gelang. Besonders beklagenswert war der Lebenswandel der Geistlichen. Einige benutzten ihre Ämter, um sich zu bereichern, andere waren alkoholabhängig oder begingen Unzucht und Ehebruch, manche waren leidenschaftliche Jäger, und es war auch nicht ungewöhnlich, dass Geistliche im Heer kämpften und eigenhändig Menschen töteten. Durch Gesetze und Strafen sollte das Verhalten der Geistlichkeit gebessert werden. Dabei wurde deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Sittenlosigkeit und dem geringen Bildungsstand der Mönche, Kleriker und Diakone gab. Auch war ein gewisser Grad an Bildung und Wissen unabdingbar, um den kirchlichen Dienst überhaupt ordnungsgemäß ausführen zu können. Viele von ihnen verstanden aber kein Latein und konnten noch nicht einmal lesen. Die Reform des mönchischen Lebens musste also mit der Hebung der Bildung verbunden werden.

Als Karl der Große 768 an die Macht kam, nahm er die Bemühungen seiner Vorgänger wieder auf, stellte sie in einen größeren Zusammenhang und verfolgte sein Ziel konsequent. Hier zeigt sich ein durchgehendes Prinzip in der Handlungsweise Karls. Die Aufgaben, die er in Angriff nahm, waren kaum völlig neue Ideen, vielmehr führte er bereits bestehende Vorhaben mit besonderer Energie und Gründlichkeit aus. So wiederholte er zum Beispiel in seinem Capitulare primum, einem Reformgesetz von 771, in weiten Teilen die Bestimmungen Karlmanns aus dem Jahre 742. Er erweiterte aber einige Anordnungen auch und ging besonders auf die Bildung ein, die ihm, wie wir weiter unten ausführen werden, besonders am Herzen lag. Eine seiner wichtigsten Maßnahmen war die Überarbeitung und Berichtigung des gesamten Bibeltextes. Er veranlasste auch die Berichtigung und Erweiterung der Liturgie. Mit beidem beauftragte er den Gelehrten Alcuin. Daneben wurde eine Predigtsammlung zusammengestellt und verbreitet mit jeweils mehreren Predigten für jeden Sonn- und Feiertag des Jahres. Karl der Große bekämpfte außer heidnischen Gebräuchen auch den Adoptianismus und die Bilderverehrung. (AJS)


4). Die Bildungsreform

4.a) Grundgedanken und Vorgeschichte

Als die Franken im fünften Jahrhundert in Gallien einfielen und es schnell ihrem Herrschaftsgebiet angliederten, brachten sie zwar eine eigene Sprache und eigene Sitten mit, doch die in Gallien verbreitete römische Kultur setzte sich schließlich auch bei ihnen durch, und sie akzeptierten die Religion der römischen Provinz - das Christentum - bald als die ihre. Doch nicht allen war es vergönnt, das Wort Gottes zu verstehen und damit zum Glauben zu finden. Da alle Kirchenschriften auf Latein vorlagen und Gottesdienste grundsätzlich auf Latein abgehalten wurden, konnten nur diejenigen wirklich am religiösen Leben teilhaben, deren Stellung es erlaubte, eine Schulausbildung zu bekommen, also Latein zu lernen. Diese Privilegierten bildeten fortan die Gruppe der literati, denen eine zahlenmäßig weit überlegene Schar der illiterati, also derer, die nur die Volkssprache beherrschten, gegenüberstand.


Zwischen dem fünften und dem achten Jahrhundert verschlechterte sich das Bildungsniveau der ehemaligen Teile des römischen Reiches erheblich. Der Anteil der Illiterati stieg an, doch selbst die, von denen man sagte, sie wären gebildet, sprachen und schrieben ein sehr schlechtes, unklassisches, fehlerhaftes Latein. Sie verstanden die Schriften der Kirchenväter immer weniger, maßen ihnen immer weniger Bedeutung zu. Dadurch verfiel neben der Bildung auch das Christentum. Erst im achten Jahrhundert gab es Ansätze, diesen Verfall zu stoppen: Bonifatius, Karlmann und Pippin entwickelten erste Reformgedanken, die allerdings noch nicht Fuß fassen konnten. Sie brachten aber Ideen ins Spiel, die unter Karl dem Großen weiterentwickelt und maßgeblich für eine gesamte Epoche werden sollten. (AN)


4.b) Auf dem Weg zum imperium christianum - Karls Programm

Wie es seinem Stand entsprach, wurde der spätere Karl der Große an der Hofschule erzogen. Schon dort entdeckte er seine Liebe zur Weisheit, die sich bei ihm mit einer tiefen Frömmigkeit verband. Nach der Übernahme der Herrschaft im Jahr 768 stellte er fest, daß das Bildungsniveau in seinem Land vollkommen unzureichend, das Latein von Fehlern beladen und die Kirche verfallen waren.

Er meinte, daß sich diese Fehler und Wissenslücken ähnlich den Sünden zwischen Mensch und Gott stellen und damit einen wahren Glauben unmöglich machen: Der Mensch kann Gott nicht mehr in rechter Weise gegenübertreten. Aufgrund mangelnder Lateinkenntnisse, so meinte Karl, könne man die Bibel und die Schriften der Kirchenväter nicht mehr wirklich verstehen. Dazu kam, daß schon in den vorhandenen Abschriften bei weitem nicht mehr der Originaltext, sondern eine an vielen Stellen falsche oder korrupte (d.h., unvollständige, kaum wiederherstellbare) Fassung vorlag. Damit war es laut Karl dem Großen nicht mehr möglich, Gottes Wort direkt in sich aufzunehmen und wirken zu lassen. Um die Fehler in den vorhandenen Texten auszumerzen, folgte er einem dreigliedrigen Plan:

  1. errata corrigere (die Fehler berichtigen)
  2. superflua abscindere (Überflüssiges entfernen)
  3. recta cohartare (Richtiges fördern)

Karl holte die besten Gelehrten der Zeit an seinen Hof. Sie sollten sich dieser Aufgabe stellen; sie sollten die fehlerhafte, vulgarismenreiche Sprache von ihren Unarten befreien. Dazu sollten sie beim Einfachsten, Elementaren beginnen: Alcuin, der wohl bekannteste und vielseitigste der Gelehrten, wurde beauftragt, ein Lehrbuch zur Orthographie und eine Ars grammatica zu erarbeiten - gewissermaßen die Grundlagen und Voraussetzungen für ein weiteres Eindringen in die Wissenschaft. Davon ausgehend begannen die Gelehrten, die bis dahin vorhandenen Texte und Abschriften nach Fehlern zu durchkämmen und diese zu emendieren, also auszubessern.

Ein bedeutendes Beispiel für diese sehr mühselige Arbeit ist die lange Zeit maßgebliche Bibelausgabe Alcuins, die er Karl dem Großen im Jahr 800 zu dessen Kaiserkrönung schenkte. Neben die Wiederherstellung der sprachlichen Reinheit traten bei der detaillierten Untersuchung der Schriften noch weitere wichtige Fragen - nämlich die nach dem Inhalt: Paßte er zu den Ideen und Vorstellungen der Zeit, ließ er sich in Verbindung mit dem Christentum bringen, so wurde das Werk erhalten - die Texte wurden anhand der sogenannten norma rectitudinis ausgewählt, nach der Richtigkeit ihrer Aussagen. Diese norma rectitudinis, die Ausrichtung am Richtigen, nicht zwangsläufig am Tiefreligiösen, machte es möglich, auch wieder auf die Antike zurückzugreifen und bei griechischen und lateinischen Autoren Gedanken zu finden, die zwar einer vorchristlichen Zeit entsprungen waren, aber keinen Widerspruch zum Christentum darstellten. In vielen Werken fand man gar wahrhaft christliche Vorstellungen oder interpretierte den Inhalt vom christlichen Standpunkt her.


Mit diesem Schritt überwand man den Konflikt zwischen der heidnischenn Antike und dem christlichen Mittelalter; die beiden Epochen widersprachen einander nicht mehr zwangsweise. Die Antike wurde wieder interessant - man widmete sich ihr nun mit anderen Augen, verchristlichte sie, aber man trug wesentlich dazu bei, daß sie nicht ganz in Vergessenheit geriet und für immer verloren ging. Den Kanon der emendierten Textausgaben, der exempla, sammelte und verbreitete man mit Hilfe von Bibliotheken, die sich hauptsächlich in Klöstern oder an Bischofssitzen fanden, weil eben dort auch die Arbeit des Abschreibens erledigt wurde.

Für die Tätigkeit des Gelehrten war natürlich eine vielfältige Ausbildung nötig - das Beherrschen der lateinischen Sprache genügte dafür nicht. Erst nach dem Eintauchen in die septem artes liberales, die sieben freien Künste, verfügte man über die notwendigen Fähigkeiten. Die sieben freien Künste wurden im siebenten Jahrhundert von Isidor von Sevilla festgelegt: Sie setzen sich zusammen aus einem Trivium und einem Quadrivium. Zum Trivium gehören Grammatik (um den Aufbau der Sprache zu verstehen), Rhetorik (zur Ausbildung der Redegewandtheit) und Dialektik (als Schulung der Logik). Danach folgen die Künste aus dem Quadrivium: Arithmetik (Übung in den Grundrechenarten und Einblicke in mathematische Gesetzmäßigkeiten), Musik (um ein Gespür für Harmonien und Spaß am Singen zu entwickeln), Geometrie (im wesentlichen als Vermessungskunde) und zuletzt Astronomie (um sich am Sternenhimmel orientieren zu können)3.

Diese sieben freien Künste wurden nicht zum Selbstzweck vermittelt, nicht mit dem Ziel, am Ende über viel Wissen zu verfügen. Unter Karl dem Großen stellten sie vielmehr sieben Stufen zu einem viel größeren Ziel dar - einem Gottesstaat, einem imperium christianum, einem Reich, das den Glanz des alten Athen, Rom und Jerusalem bündeln und noch überstrahlen sollte. Es sollte ein Reich sein, das vom Heiligen Geist und einer reinen, ungetrübten Verbindung zwischen Mensch und Gott geleitet wird und die Erfüllung der Weltordnung darstellt: Jedem kommt ein ihm angemessener Platz zu, und jedem soll der Weg zu Gott freigemacht werden. Praktisch bedeutete das, daß in die Bildungsreform Karls des Großen jeder nach seinem Stand eingebunden werden mußte, daß also die Geistlichkeit und die Gelehrten in der Lage waren, etwas von ihrem Wissen und ihrem Erkenntnisstand weiterzugeben. Dazu durften sich natürlich keine Fehler oder kleine Unkorrektheiten in ihren Ausdruck schleichen, die das Bild Gottes verfälschten. Deswegen legte Karl ein so großes Augenmerk auf eine gute Ausbildung. Er forderte von den Gebildeten, ihr Wissen nicht für sich zu behalten und sich in die Theologie zu flüchten, sondern stattdessen die Welt für den Glauben zu gewinnen. Damit sollte das Volk, der populus christianus unter Karl zum ewigen Leben geführt werden. (AN)


4.c) Die Durchführung der Bildungsreform

Die Pflege der Bildung lag bis dahin fast ausschließlich in den Händen der Klöster. Und auch dort kümmerte man sich nur in geringem Maße um diese Aufgabe. Im Zuge seiner Reformen berief Karl der Große nun Gelehrte an seinen Hof, um ein geistiges Zentrum für das Reich zu schaffen. Die Gelehrten kamen aus England, Irland, Spanien, Italien und der Lombardei. Im Laufe der Jahre wirkten z.B. Alcuin, Paulus Diaconus, Petrus von Pisa, Theodulf von Orleans, Paulinus von Aquileia und Einhard an der Schule. Alcuin, der aus York kam und später Abt von St. Denis wurde, war ihr Leiter. Einhard war einer der wenigen Franken, die am Hof lehrten. Er war als Schüler dorthin gekommen und unterrichtete später selbst. Er ist der Verfasser der "Vita Karoli Magni", einer Biographie Karls des Großen. Die Gelehrten, von denen uns sicher nicht alle bekannt sind, waren nicht alle gleichzeitig am Hof, und sie dienten Karl auch unterschiedlich lange auf diese Weise.

Karl der Große liebte die Weisheit, aber Anhäufung von Wissen war für ihn kein Selbstzweck. Er war der Überzeugung, dass Weisheit zum ewigen Leben führte, und dass deshalb alle Weisheit "lernen" müssten. Die Gelehrten, die er berufen hatte, sollten ihm dabei behilflich sein. Zuerst als Lehrer der Hofschule, dann aber auch als seine Berater und Helfer in der Bildungspolitik für das Reich. Die Hofschule darf man sich nicht als Institution vorstellen mit festgelegten Stundenplänen usw. Die Lehrer teilten vielmehr ihr Leben mit ihren Schülern und vermittelten ihnen so alles, was sie selbst wussten. Sie benutzten dazu auch jeweils ihre eigenen Methoden und Materialien. Durch die sorgfältige Auswahl, sowohl der Lehrer als auch der Schüler, bekam diese Einrichtung Vorbildcharakter. Hier schließen die anderen beiden Aufgaben Alcuins und der übrigen Gelehrten an, nämlich den König zu beraten, wie die Bildung im ganzen Reich verbreitet werden könnte und ihm dabei behilflich zu sein. Konkret sah das so aus, dass sie von Karl den Auftrag bekamen, Schriften zu sammeln und zu emendieren, die durch seine Billigung exemplarischen Charakter erhielten und daraufhin durch Abschreiben im ganzen Reich verteilt wurden.

Karl der Große ließ seinen Mitarbeitern neben der Arbeit für ihn aber auch Raum und Zeit, eigene Werke zu schaffen. So entstanden z.B. viele Gedichte, die das Zeitgeschehen behandeln und uns somit noch heute Einblick in die damaligen Zustände gewähren. Einige Gelehrte erhielten von Karl anschließend an ihren Dienst bei Hof eine Stelle als Bischof oder Abt, so dass sie das Gedankengut des Hofes im Reich verbreiten konnten. Die Äbte leiteten die Klosterschulen nach dem Vorbild des Hofes und gründeten dort welche, wo noch keine vorhanden waren. Besondere Sorgfalt verwandten sie außerdem auf die Pflege und Erweiterung der Bibliotheken.

Die Bischöfe bekamen den Auftrag, auch an den Stiften Schulen und Bibliotheken einzurichten. An den Kloster- und Stiftsschulen wurden natürlich vor allem Mönche und Weltgeistliche ausgebildet, aber auch die Söhne adliger Familien bekamen hier ihren Unterricht, die nicht für die kirchliche Laufbahn bestimmt waren, sondern anschließend an ihre Ausbildung z.B. in der Reichsverwaltung tätig wurden. Da nicht überall Männer eingesetzt werden konnten, die in ihrer Meinung mit Karl übereinstimmten und von sich aus alle Anweisungen befolgten, wurden Königsboten, sogenannte missi, zu den Bischofssitzen und in die Klöster gesandt, um die Ausführung der königlichen bzw. kaiserlichen Anordnungen zu prüfen, um zu ermahnen und zu strafen. Mit diesem System wurde nicht nur der allgemeine Bildungsstand gehoben, sondern Karl verbreitete damit auch sehr geschickt seine Ideen und Prinzipien weit über den direkten Einflussbereich des Hofes hinaus.


Der bei weitem größte Teil der Bewohner des Fränkischen Reiches wurde aber von den bisher beschriebenen Maßnahmen überhaupt nicht berührt. Dieser große Rest sollte in erster Linie durch gute Predigten unterwiesen werden. Es gab aber auf dem Land scheinbar auch Schulen, in denen Pfarrer unterrichteten. Sie brachten ihren Schülern das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis bei und bildeten sie teilweise für einfache Messdienste aus. Unklar bleibt, wer als Schüler in solchen Pfarrschulen angenommen wurde, und wie viele Schüler jeweils unterrichtet wurden. Sicher ist auf alle Fälle, dass nicht jeder dorthin ging. Vielleicht wurden einige Schüler anschließend noch in ein Kloster oder in eine Stiftsschule geschickt, um ihre Ausbildung zu vervollständigen und zum Priester geweiht zu werden. Die wenigen Zeugnisse, die wir in einzelnen Berichten und Bestimmungen finden, lassen eine eindeutige Beschreibung der Situation leider nicht zu 4 , aber es wird die Absicht erkennbar, möglichst großen Teilen des Volkes eine gewisse Bildung zu verschaffen, die ja nach der Meinung Karls des Großen heilsnotwendig war. (AJS)

5) Die Reform von Sprache und Schrift

5.a) Die Sprache

Mit der nach dem Machtverlust Roms beginnenden Romanisierung nahm das Lateinische langsam einen anderen Charakter an: Zwar hatte es schon zu Ciceros Zeiten einen markanten Dualismus zwischen gesprochener und geschriebener Sprache gegeben, doch es handelte sich dabei lediglich um verschiedene Sprachregister: Es war jedem möglich, sowohl die Hochsprache als auch das Vulgärlatein zu verstehen. Nach und nach schliffen sich die für die lateinische Syntax unentbehrlichen Kasusendungen ab. Um weiterhin die Eindeutigkeit der Aussage zu gewährleisten, nutzte man immer mehr Präpositionen und mußte die Stellung der einzelnen Einheiten im Satz genau festlegen. Nach dem Einfall der Franken ins römische Reich setzte sich in Gallien die Sprachakzentuierung der Eroberer durch: Bestimmte Silben wurden sehr stark, andere dafür überhaupt nicht betont. Diese unbetonten Silben fielen oft aus. Andere Silben wurden nasaliert, neue Laute entstanden: Das Lateinische war bald nicht mehr wiederzuerkennen. Vor dem Hintergrund dieses Sprachwandels ist gut nachvollziehbar, daß es irgendwann nicht mehr selbstverständlich war, daß jeder das an Cicero orientierte Schriftlatein verstand. Es entstand eine Diglossiesituation, eine Zweisprachigkeit, zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache, wobei sich auch das Schriftlatein immer weiter vom klassischen Ideal fortbewegte und Elemente der Volkssprache in sich aufnahm.

Da all’ diese Fehler und Vulgarismen - wie schon erwähnt - laut Karl dem Großen ein falsches Denken zur Folge haben und den Sünden gleichen, wurde eine Sprachreform nötig. Alcuin entwickelte auf der Basis des Schriftlateins der Spätantike eine lange Zeit maßgebliche Grammatik, mit der er keinesfalls das relativ starre Cicerolatein wieder auferstehen lassen wollte. Lediglich die zahlreichen romanischen Idiome sollten aus der Schriftsprache verschwinden. Außerdem wollte er die Orthographie derer, die schreiben lernten, verbessern und legte Wert darauf, daß die lateinischen Kasusendungen und Satzkonstruktionen korrekt verwendet wurden. Damit entwarf er Regeln für ein schlichtes, fehlerfreies Latein, das nicht zu sehr an klassischen Vorgaben orientiert war, so daß es persönliche Kreativität und Ausdrucksmöglichkeiten unterbunden hätte. Doch die Grammatikregeln Alcuins richteten sich wohlgemerkt an die gebildeten Schichten; das Lateinische wurde nicht wieder zur Umgangssprache des gesamten Volkes. Dazu war der sermo vulgaris, die gesprochene Sprache, einfach zu weit weg vom wirklichen Latein. Latein blieb beschränkt auf die höheren Kreise, und anstatt nun hoffnungslose Versuche zu unternehmen, seinen Einfluß auszuweiten, begann man, den Volkssprachen mehr Raum zuzugestehen. Im Zuge der Kirchenreform sah man ein, daß die Gottesdienste unbedingt in der Volkssprache abgehalten werden mußten, wenn die Gläubigen etwas verstehen sollten, wenn man ihnen wirklich das Wort Gottes weitergeben wollte. 813 wurde dieser Gedanke mit dem Konzil von Tours für verbindlich erklärt.

Neben der Macht und der Eleganz des Lateinischen besaß die Volkssprache ein geringes Prestige. Unter Karl dem Großen wurden jedoch erste Schritte unternommen, um das Ansehen der Mundarten zu stärken. Karl selbst förderte die fränkische Sprache und Kultur, wollte ihr Ansehen mit verschiedenen Maßnahmen heben. Einhard schreibt dazu: " ... Ebenso ließ er die uralten deutschen Lieder, in denen Taten und Kriege der alten Könige besungen wurden, aufschreiben, damit sie unvergessen blieben. Auch eine Grammatik seiner Muttersprache begann er abzufassen. Ferner gab er den Monaten, für die bei den Franken bis dahin teils lateinische, teils barbarische Namen im Gebrauch gewesen waren, Benennungen aus seiner eigenen Sprache. Ebenso gab er den zwölf Winden deutsche Namen, während man vorher nur für vier Winde deutsche Bezeichnungen hatte." 5  Unter Karl dem Großen ist die Bezeichnung "lingua theodisca" für das Fränkische erstmals belegt, und wie man aus den Schilderungen Einhards ablesen kann, war Karl durchaus daran interessiert, diese Sprache und die Kultur, in die sie eingebettet war, zu fördern. Spätestens beim Versuch, eine Grammatik zu erstellen, scheiterte das Unterfangen jedoch an der noch zu großen Uneinigkeit des Fränkischen. Von Karls Nachfolgern wurde die Sorge um die eigene Muttersprache vernachlässigt, sodaß Karls Bemühungen in den Anfängen steckenblieben und erst wesentlich später mit mehr Erfolg fortgesetzt wurden. Man muß es ihm aber immerhin anrechnen, daß er bei seinen Maßnahmen zur Hebung des Bildungsniveaus die ursprünglich prestigearme, unorganisierte fränkische Muttersprache mit einbezog und erste Schritte zur ihrer Emanzipation unternahm. (AN)


5.c) DieSchrift

Um den Gelehrten und Geistlichen einen Zugang zum Kanon der inhaltlich richtigen Werke zu ermöglichen, mußten diese möglichst zahlreich vorliegen, mußten also immer wieder abgeschrieben werden. Karl ermahnte immer wieder zu größter Sorgfalt. Er ordnete an, daß nur ausgebildete Mönche die Abschreibetätigkeit übernehmen sollten und nicht die Schüler, denen noch eher Fehler unterlaufen konnten.
Passend zu der gesamten Bildungsreform, die auf klare Erkenntnis abzielte, wurde eine klare, leicht lesbare Schrift entwickelt - die karolingische Minuskel. Sie setzte sich von den uneinheitlichen, schwer lesbaren Zeichen aus der Merowingerzeit ab - statt der verzierten, verschnörkelten Schriften verbreitete man im Zuge der karolingischen Reform eine regelmäßige, gefällige, recht schmucklose Schrift, die aus Einzelbuchstaben bestand und in ein Vierliniensystem paßte. Man vermied Abkürzungen, ließ Leerräume zwischen den Wörtern, und zwar deshalb, weil bei einer derartigen Schrift nichts den Leser vom Inhalt des Textes ablenkte, auf den ja das Hauptaugenmerk gelegt werden sollte: Nichts sollte davon ablenken, die Richtigkeit der dem Text innewohnenden Ideen zu erkennen.
Infolge eines Irrtums ist die karolingische Minuskel heute der Standard für Sprachen mit lateinischen Buchstaben: Gegen Ende des Mittelalters fanden Humanisten karolingische Texte und hielten deren Schrift für so harmonisch und gelungen, daß sie sie in die Antike datierten, "scripta antiqua" nannten und mit Hilfe des Buchdrucks überall verbreiteten. (AN)

6). Karolingische Kunst

In der Folge der Reformen Karls des Großen kam es auch auf anderen Gebieten zu einer neuen Blütezeit, so z.B. in Kunst und Handwerk. In der Elfenbein-, Mosaik- und Goldschmiedekunst, der Buch- und Wandmalerei und der Baukunst entstanden während der Herrschaft der Karolinger bedeutende Werke. Wir möchten hier nur auf zwei Bereiche näher eingehen, nämlich auf die Buchmalerei und auf die Baukunst.
Die Blüte der Buchmalerei wurde durch die Bemühungen Karls des Großen um Sprache, Literatur und Schrift begünstigt. Er selbst oder wohlhabende Adlige gaben in diesem Zusammenhang auch die Anfertigung Prachthandschriften in Auftrag, die mit besnderen Verzierungen geschmückt wurden. Hier gab es einmal Initialen, große Anfangsbuchstaben, die in kräftigen Farben gemalt und z.B. mit Laubwerk, Tierköpfen oder fantastischen Figuren versehen wurden. Außerdem kann man in solchen Prachthandschriften Bordüren finden, die einzelne Seiten umrahmen, und Miniaturbilder, die z.B. Szenen des Textes verdeutlichen sollen. Das Anfertigen der Malereien war sehr aufwendig. Die Mönche in den Skriptorien der Klöster, die diese Arbeit zum größten Teil versahen, mussten alle dafür notwendigen Werkzeuge und Farben selbst herstellen.

Die Buchmaler der karolingischen Zeit nahmen sich byzantinische und spätantike Beispiele zum Vorbild, kopierten sie aber nicht einfach, sondern nutzten sie für ihre Zwecke. So versuchten sie, Figuren körperlich und Räume dreidimensional darzustellen. Während der Herrschaft der Karolinger gab es mehrere Schulen der Buchmalerei, die jeweils ihren eigenen Stil pflegten. Sie befanden sich zumeist in Klöstern wie Trier und Tours. Eine Ausnahme bildete Aachen, wo es eine Palastschule gab. Nach dem Tod Karls des Großen nahm das Skriptorium von Reims die Führungsrolle ein. Später erlangten die Hofschule Karls des Kahlen und die Skriptorien nordfranzösischer Klöster besondere Bedeutung.
Die Pflege der Baukunst, die in den vorangegangen Jahrhunderten fast völlig zum Erliegen gekommen war, wurde in der Zeit der Regierung Karls des Großen ebenfalls wieder belebt. Es waren die Vorgaben und Aufträge des Hofes und der Großen, die die Bautätigkeit bestimmten. Im Frankenreich waren für die Ausführung aber auch auf diesem Gebiet nicht genügend Fachleute zu finden, so dass man auch hier Ausländer, vor allem aus Italien, berief.


Wenn wir von der karolingischen Baukunst sprechen, dann geht es uns vor allem um die Kirchenbauten. Weltliche Bauten waren meist aus Holz. Über ihre Form können wir wegen der Vergänglichkeit des Materials heute keine Aussage mehr machen. Nur der Herrscher ließ seine Pfalzen in Steinbauweise errichten, aber auch hier sind nur die bei Ausgrabungen freigelegten Reste der Pfalz Ingelsheim greifbar.Die Vorbilder der Bauwerke suchte man sich vor allem bei römischen und frühchristlichen Gebäuden. So wurden Palast und Münster in Aachen nach dem Vorbild des Lateran in Rom entworfen. in einigen Elementen wird auch die Anlehnung an S. Vitale in Ravenna erkennbar. St. Riquier in Abbeville war eine der ersten Kirchen der karolingischen Zeit. Sie wird in späteren Bauwerken häufig zitiert, das heißt aber nicht, dass sie vollständig nachgeahmt wurde. Es gab keinen festgelegten Stil oder strenge Regeln. Die Bauwerke der karolingischen Zeit weisen schon allein in der Grundrissform eine sehr große Vielfalt auf. Das setzt sich auch in den Einflüssen fort. So finden wir neben den oben erwähnten römischen Elementen auch byzantinsche und orientalische. Besonders gut wird das in der 806 geweihten Kirche von Germigny-des-Prés sichtbar.
Nach dem Tod Karls gingen die Bemühungen auf dem Gebiet der Baukunst wieder stark zurück. (AJS)

7). Fazit

Auch wenn nach dem Tod Karls des Großen die einzelnen Teile seiner Reform nicht in dem Maße fortgeführt wurden, wie er sie begonnen hatte, wirkten seine Maßnahmen darüber hinaus und bildeten die Grundlagen für die weitere Entwicklung Europas.
Zum einen gelang es Karl dem Großen, durch seine Feldzüge die germanischen Stämme in Mitteleuropa zusammenzuschließen und somit eine Aufspaltung der Germanen in mehrere kleine Staaten zu verhindern. Durch seine Reformen, die mit Hilfe der Gelehrten überall durchgesetzt werden sollten, konnte er ein Reich, das weder sozial noch ökonomisch noch kulturell eine Einheit bildete, ein Stück weit zusammenführen und schuf mit diesen Gelehrten oder Königsboten gleichzeitig eine Instanz, die es ihm erlaubte, das Geschehen in den entlegensten Teilen seines Landes zu kontrollieren, und die damit seine alles beherrschende Zentralmacht stärkte. Er ging sehr hart und konsequent gegen partikularistische Bestrebungen vor. Mit teilweise klugen und weitsichtigen, andererseits aber auch brutalen und rücksichtslosen Mitteln ebnete er so den Weg für die Herausbildung eines deutschen Staates.

Daneben muß man seine Bemühungen um die deutsche Sprache sehen, die nicht nur der lingua theodisca selbst, sondern indirekt auch der Kultur und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Franken Anstöße gab. Erst in der frühen Neuzeit bemühte man sich erneut, die deutsche Sprache zu ordnen und zu systematisieren und griff dabei auf die ersten Versuche einer Grammatik aus der Karolingerzeit zurück. Insgesamt betrachtet wird jedoch wohl einem anderen Aspekt der Reformen Karls des Großen die größte Bedeutung zukommen - nämlich der regen Abschreibetätigkeit und der Auseinandersetzung mit der Antike. Auch wenn man die Werke oft verchristlichte und Dinge in sie hineininterpretierte, die der Text nicht hergab, ist dieses erste Wiedererwachen des Altertums für uns heute von unschätzbarem Wert: Viele der heute maßgeblichen Codices stammen aus dem 9. Jahrhundert, wurden in einer der großen Schreibstuben angefertigt. Hätten wir diese alten Ausgaben nicht, wäre uns ein bedeutender Teil der Antike verloren, und wesentliche Teile der griechischen und römischen Lebenswelt blieben uns für immer verschlossen. Damit sähe auch unsere eigene Kultur anders aus, die doch an vielen Stellen bewußt oder unbewußt von antiken Vorstellungen beeinflußt ist.

Wirft man zuletzt noch einen Blick auf die Entwicklung des Schulwesens nach dem Tod Karls des Großen, stellt man fest, daß zur Ausbildung der Unterschichten erst in der Renaissance konkrete Maßnahmen unternommen wurden. Auch hier kann man davon ausgehen, daß das karolingische Modell der Pfarrschulen, wo elementare Kenntnisse vermittelt wurden, für die Entwicklung der späteren Volksschulen Pate gestanden haben. Damit hat Karl der Große auch erste Impulse für ein organisiertes Bildungssystem gegeben, wenn auch, was man immer wieder betonen muß, die Bildung nicht als solche wichtig war für ihn - sie bildete lediglich den Weg zu einem höheren Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, baute er gewissermaßen den Weg dorthin aus. Und wie wir gesehen haben, spüren wir die Auswirkungen dieser Arbeit noch heute. (AN)

Anmerkungen

1 FLECKENSTEIN, Josef: Die Bildungsreform Karls des Großen, S.7u.a.
2 RICHÉ, Pierre: Die Karolinger, S.77ff
4 FLECKENSTEIN, Josef, S.43ff
5 EINHARDUS, Vita Karoli Magni



© Antje Neubert / Julia Singer 04.06.2000

CIFRAQS
26 .01.2004