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Roman de la rose
Der Roman de la rose ist neben dem Prosa-Lancelot-Zyklus der wohl umfangreichste und gelehrteste Roman des französischen Mittelalters. Nicht zuletzt deshalb wurde er auch immer wieder als Zäsur, d.h. als Abschluß und Vollendung der höfischen Literatur charakterisiert.
Den ersten Teil verfaßte Guillaume de Lorris (um 1204/um1240) zwischen 1225/30. Er ist ebenfalls in paarweise gereimten Achtsilblern verfaßt und schildert in allegorischer Form ein Liebesabenteuer. Der Erzähler fällt zur Zeit des Frühlingserwachens in einen tiefen Traum. Er betritt darin mit Hilfe von Oiseuse (Müßigkeit) einen wunderschönen Garten, der von hohen Mauern umgeben ist und aus dem insbesondere Haß, Bosheit, Vilainie (Gemeinheit), Habsucht, Geiz, Neid, Traurigkeit, Alter, Heuchelei und Armut (also die Gegensätze höfischer Liebesethik) ausgesperrt sind. Die Schilderung des Gartens (er gehöre Deduit, Vergnügen, sei voller Quellen und Bäche, voller Gesang der Spielleute und Tanz, an dem auch Courtoisie (Höfischkeit) teilnehme, steht ganz in der rhetorischen Tradition des Liebesgartens als Locus amoenus. Der Erzähler gelangt nach einigen ausgelassenen Vergnügungen zu einer wunderbaren Quelle. Auf einem Marmorstein steht geschrieben, hier sei Narziß gestorben. Einst habe sich die schöne Dame Echo in ihn verliebt. Aus Hochmut habe er jedoch ihre Liebe zurückgewiesen. Sie sei an Liebeskummer gestorben, habe ihn jedoch im Sterben verflucht: Er verliebte sich in sein Spiegelbild und starb ebenfalls. Als der Erzähler sich über das Wasser beugt, sieht er eine wunderschöne Rose. Er eilt zu ihr. Nun tritt Amor mit seinem Bogen auf. Er schießt seine Pfeile durch das Auge ins Herz. Der Erzähler wird nun durch den Liebesgott in die Kunst des Liebens eingewiesen. Dabei werden noch einmal alle Tugenden des Amour courtois aufgezählt. Nachdem der Jüngling die Wächter der Rose (Dangiers - Widerstand, Male Bouche - Böser Mund, Honte - Scham, Peor - Furcht) mit der Hilfe von Venus überwunden hat, erhält er den ersehnten Kuss der Rose. Die erwachte Eifersucht (Jalousie) läßt nun aber die Rose in eine Burg sperren, die streng bewacht wird. Der erste Teil endet mit der Klage des Amant.
Der erste Teil des Romans greift zentrale Themen der Courtoisie und des Amour courtois in allegorisierter Form auf. Insofern stellt er tatsächlich eine Art Summe und Abschluß der höfischen Literatur dar.
Den zweiten und weitaus umfangreicheren Teil schrieb Jean de Meun (um 1240/um 1305) zwischen 1275/80. Die Handlung des zweiten Teils ist, gemessen an seinem Umfang, recht schnell erzählt. Nach der Klage des Jünglings erscheint zunächst Raison (Vernunft). Sie warnt ihn vor der unbedachten Liebe. Dabei führt sie wichtige Auffassungen der Kirche zum Thema Liebe und Sexualität als Argumente an (Sie diene nur der Fortpflanzung der Menschen. Das Vergnügen dabei sei nur als Motivation zu verstehen, die Arbeit der Natura zu verrichten). Der Jüngling weist sie jedoch zurück. Nun erscheint Ami und erteilt Ratschläge, wie die Rose zu gewinnen sei. Diese Ratschläge entsprechen aber nicht mehr der höfischen Liebesethik, sondern tragen ganz zynisch-realistischen Charakter, wenn es etwa heißt, er solle sich durch Frau Reichtum zur Rose führen lassen. Amor bietet eine Reihe von Rittern auf, die die Burg stürmen. Die Eroberung der Rose nimmt sich dann wieder ganz realistisch aus, wenn es heißt, der Amant habe sich mit einem Pilgerstab und einem Sack mit 2 Hämmerlein zur Rose begeben. Der Roman endet mit dem Erwachen des Jünglings.
Dominant sind im zweiten Teil die langen philosophischen und moraltheologischen Erläuterungen. Jean de Meun war ein äußerst gelehrter Kleriker. Er übersetzte die Consolatio Philosophiae des Boethius, De re militari des Vegetius und den Briefwechsel zwischen Abelard und Héloise. Die vielen gelehrten Exkurse greifen auf Ovid, Boethius, Guillaume de Saint-Amor und Alanus ab Insulis zurück. So erschien der zweite Teil in der Forschung oft als umfassende Enzyklopädie. Allerdings wird bei Jean de Meun eine kritische Stellung zur höfischen Liebe sichtbar, die beide Teile unter liebesethischem Gesichtspunkt als Gegensätze erscheinen läßt. Die Liebe erscheint bei de Meun nicht als exklusives und durch sittliches Verhalten erworbenes Gefühl, sondern als schicksalhafte Laune der Natur. Die Frau erscheint nicht als engelsgleiches Wesen, das asketisch umworben werden müsse, sondern als berechnendes und skrupelloses Geschöpf, das den Liebenden in den Untergang treiben kann.
Neben der Liebe erörtert Jean de Meun aber auch andere Themen wie das Gottesgnadentum der Könige, das "Goldene Zeitalter", das Verhältnis von göttlicher Voraussicht und menschlicher Freiheit oder die Beziehung zwischen Natur und Kunst.
Im Spätmittelalter zählte der Roman de la rose zu den beliebtesten Werken der französischen Literatur und beeinflußte sehr stark die Lyrik des 14. und 15. Jahrhunderts. Mit Beginn des 15. Jahrhunderts begann der Streit um den Roman. Christine de Pisan (1365/1428) und Jean Gerson (Kanzler der Pariser Universität) warfen ihm vor, er verletze die Würde der Frauen. Allerdings stellen die misogynen Stellen des zweiten Teils eher einen Gemeinplatz insbesondere in der klerikalen lateinischen Literatur seit dem 11. Jahrhundert dar. Verteidigt wurde der Roman durch die königlichen Sekretäre Jean de Montreuil und Gautier Col. Im 16. Jahrhundert galt der Roman de la rose als moralische Autorität in Liebesfragen. Entsprechend viele kommentierte Ausgaben des Werkes gab es auch. Erst mit der Abwertung der Allegorie gegenüber dem Symbol im 18. Jahhrundert verlor das Werk seine Popularität und wird seitdem nur noch in Gelehrtenkreisen rezipiert und diskutiert.
Literatur:
Konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung der Seite: Dr. Roberto Mann und Dr. Olivier Podevins
CIFRAQS
3.11.2003