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Romane
Begriff
Das Wort "Roman" ("Romanz") bezeichnete im 12. Jahrhundert zunächst alle Werke, die in der Volkssprache (lingua romana) verfaßt waren. Der Begriff bezeichnete also nicht eine Gattung, sondern eine Sprache. Mit den Romans antiques geht eine Konkretisierung des Begriffes einher. Die Bezeichnung "Romanz" wird jetzt synonym zu "estoire" verwendet. In den Prologen wird auch immer wieder der Wahrheitsanspruch des Erzählten betont. Dabei verwiesen zum Beispiel die Autoren der Romans antiques auf ihre antiken Quellen. Auch Chrétien de Troyes verweist im Perceval auf eine Quelle, die jedoch bis heute nicht verifiziert werden konnte. Mit der Popularisierung der "Romans antiques" und der "Romans courtois" wurde der Begriff dann auf bestimmte Erzählformen und -inhalte festgelegt.
Vers und Prosa
Die ersten Romane in der französischen Literatur waren meist in paarweise gereimten Achtsilblern (Octosyllables) verfaßt. Dies liegt in den Literaturverhältnissen begründet. Romane wurden an Höfen vor einem exklusiven Publikum laut vorgelesen. Der Vers unterstützte durch seine Rhythmik das laute Lesen, schuf aber auch dadurch, daß syntaktische Einheiten (Sätze oder Teilsätze) nach 2 Versen in der Regel abgeschlossen wurden, eine gewisse Monotonie, die nur durch herausragende Autoren wie Chrétien de Troyes hin und wieder durchbrochen wurde.
Die Prosaauflösung des Romans vollzog sich dann an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert. Der erste Prosaroman ist der anonyme Perlesvaus (1191/1225). Mit dem Lancelot-Graal-Zyklus (anonym, 1215/30) entstand ein riesiges, fast schon enzyklopädisches Werk über Aufstieg und Untergang der Artuswelt.
Prosa- und Versromane existierten dann ca. 100 Jahre parallel nebeneinander, wobei der Versroman immer mehr in seinen Formen und Stoffen (Abenteur eines Ritters am Hof des Königs Arthus) erstarrte und schließlich eine rein unterhaltende Funktion annahm.
Die Gründe für die allmähliche Prosaauflösung des Romans sind vielfältiger Natur (z.B. Tendenz zu individuellem Lesen). Entscheidend war aber, daß der Klerus sich zunehmend der höfischen Arthuswelt annahm. Damit wurden die Geschichten, indem sie in eine heilsgeschichtliche Perspektive gerückt wurden, zunehmend kompliziert. An die Stelle der einsträngigen und meist auch kurzen Erzählung über ein singuläres Abenteuer eines Arthus-Ritters tritt nun die zyklische Gestaltung, bei der die Geschichte des Arthusreiches (über mehrere Generationen) mit der Graalssage und christlichen Überlieferungen verknüpft wird. Daraus folgt eine Auffächerung der Handlung mit eingebauten deskriptiven und diskursiven Passagen, für die der Vers wenig geeignet scheint.
Roman antique
Die meisten Romans antiques entstanden zwischen 1155 und 1165 im Herrschaftsgebeit der Plantagenêts. Sie waren in Versen verfaßt und fester Bestandteil der höfischen Kultur. Die Romans antiques behandelten Stoffe aus der Antike.
Das erste Werk dieser Art ist der Roman d'Alexandre. Die erste Fassung (weit vor 1150) wurde von einem gewissen Albéric de Pisançon verfaßt. Von dieser Urfassung sind allerdings nur ca. 100 Verse erhalten. Die bis heute überlieferte Handschrift entstand zwischen 1150 und 1300. Im Roman werden die Abenteurr Alexanders d. Großen geschildert, der ein riesiges Reich zwischen Griechenland und Indien schuf. Zum Teil enthält das Werk noch recht breite Schlachtschilderungen, die an die Chansons de geste erinnern. Neu sind aber die vielen Liebesszenen, die schon auf das neue Ideal des Amour courtois verweisen. Weitere Romans antiques sind der Roman de Thèbes (anonym, 1155/1165), der den Kampf der beiden Söhne von Ödipus nach dessen Tod um die Herrschaft Thebens schildert und auf ein lateinisches Gedicht von Stacius zurückgriff, oder der Roman de Troie von Benoist de Sainte-Maure (1155/65). In ihm wird der Kampf zwischen den Griechen und Trojanern erzählt. Der Autor griff allerdings nicht auf die Illias des Homer zurück (die damals unbekannt war), sondern auf spätrömische Bearbeitungen des Stoffes. Im Roman d'Enéas (anonym, 1155/65) wird die Geschichte des Äneas erzählt, der nach der Zerstörung von Troja mit seinen Gefährten auf der Suche nach einer neuen Heimat ist, sich in Karthago in die schöne Königin Dido verliebt, schließlich in Italien landet und das Geschlecht der Römer begründet. Der Autor ging in seinem Roman aber nur sehr frei mit der Quelle (der Aeneis des Vergil, Ende des 1. Jhds. v.u.Z.) um.
Allerdings wurden nicht nur Geschichten aus der griechischen oder römischen Antike aufgegriffen. So erzählt Piramus et Tisbé (anonym, 1155/65) eine Geschichte aus Babylon, die durch Ovids Metamorphosen überliefert wurde: Piramus und Tisbé lieben einander, obwohl ihre Familien verfeindet sind. Als Tisbé bei einem Rendez-vous der beiden vor einem Löwen flieht und Piramus sie tot glaubt, begeht er Selbstmord. Nach ihrer Rückkehr tötet sich Tisbé aus Schmerz über den Tod des Geliebten ebenfalls.
In den Romans antiques wird den übermenschlichen und national ausgerichteten Helden der Chansons de geste ein eher menschlicher Held entgegengesetzt. Sie zeichnen sich daher durch psychologische Analysen und Beschreibungen aus. Die Autoren sind rhetorisch an der Antike geschult. Die Erzählungen wirken daher auch viel eleganter als noch in den französischen Heldenliedern. Neu ist auch die Liebe, der als Bestandteil der höfischen Welt ein breiter Raum eingeräumt wird. Insofern entsprechen diese Romane dem gewachsenen Selbstbewußtsein der französischen Aristokratie im Hochmittelalter.
Romans courtois
Die Romans courtois haben dieselben formalen Merkmale wie die Romans antiques (paarweise gereimte Achtsilbler). Auch in der Handlungsstruktur ähneln sie den antikisierenden Romanen (individuelle Abenteuer und Liebeserlebnisse herausgestellter Ritter). Allerdings verarbeiten sie keltische Stoffe und Motive (Matière de Bretagne), vorwiegend aus der Sagenwelt um König Arthus und seine Tafelrunde. Die Sage um König Arthus verbreitete sich etwa ab Mitte des 12. Jahhrunderts durch Chroniken in lateinischer und französischer Sprache sowie durch Jongleurs, diedie Geschichte mündlich verbreiteten, in Frankreich.
Berühmtester Autor dieser Romane war Chrétien de Troyes (vor 1150/vor 1190). Er lebte am Hof von Marie de Champagne, der Tochter von Ludwig VII und Aliénor d'Aquitaine. Von ihr kam sicherlich die Anregung zur Verarbeitung der Arthus-Sage. Chrétien war ein sehr gebildeter Autor. Davon zeugen seine frühen Bearbeitungen der Metamorphosen sowie der Liebeskunst von Ovid.
In seinem ersten Roman Erec et Enide (um 1165) beschreibt er eine Eheproblematik am Hof von König Arthus: Erec gewinnt die schöne Enide zur Frau, Er läßt sich jedoch bald durch die Freuden des neuen Lebens zu sehr einnehmen, so daß er in den Ruf der Unritterlichkeit gerät. Seine Frau beginnt darunter zu leiden. Als er den Grund ihres Kummers erfährt, bricht er mit ihr zusammen auf die Suche nach Abenteuern auf. Es gelingt ihm schließlich, den riesigen Ritter Maboagrain zu besiegen und seinen Ruf sowie seine Ehe zu retten.
Das Thema der höfischen Liebe spielt also in diesem und den anderen Romanen Chrétiens eine große Rolle. Im Unterschied aber zur fin amor der Trobadore, die zur gleichen Zeit durch Aliénor und ihre Kinder auch im Bereich der Langue d'Oïl verbreitet wird, geht es hier um eine reale und erfüllbare Liebe, da sie sich in dem durch die Kirche sanktionierten Bereich der Ehe entfaltet. Sie trägt daher auch nicht den mystischen Zug wie bei den okzitanischen Dichtern. Vielmehr geht es um die behauptete und stets zu erringende Vereinbarkeit von individuellem Glück und Standesethik des mit neuem Selbstbewußtsein ausgestatteten Rittertums.
In seinem zweiten Roman Cligès (um 1170/76) verbindet Chrétien die Arthus-Sage mit byzantinischen Stoffen. Cligès, Sohn der Nichte von König Arthur, verliebt sich in die schöne Fénice, die jedoch mit Alis, Onkel von Cligès und deutscher Kaiser, verheiratet wird. Durch eine Zaubertrank, der sie tot erscheinen läßt, entzieht sie sich jedoch ihren "ehelichen Pflichten" und bleibt keusch, bis ihr Trick erkannt wird. Zum Schluß wendet das Schicksal jedoch alles zum Guten. Alis stirbt und ermöglicht so die legale Verbindung der Liebenden.
Chrétien nimmt hier Bezug auf die Geschichte von Tristan und Isolde, die er bereits in einem nicht überlieferten Roman (Roman du roi Marc et d'Iseut) verarbeitet hatte. Durch den gekünstelt wirkenden Schluß wird der Konflikt zwischen Leidenschaft und gesellschaftlicher Pflicht jedoch völlig entschärft und mit der aristokratischen Standesideologie konform gemacht.
Der dritte Roman Le Chevalier de la charette ist ein Auftragswerk Maries. Er steht der Minnedoktrin am nächsten. Lancelot, zunächst ein unbekannter Ritter, steigt durch eine Reihe von Abenteuern zum Helden des Arthus-Hofes auf. Dabei verliebt er sich in Guenièvre, die Königin. Für sie besteht er nicht nur bravouröse Abenteuer, sondern demütigt sich sogar, indem er in einen von Zwergen gezogenen Karren steigt. Daß dieser bedingungslose Dienst mit einer Liebesnacht belohnt wird, geht weit über die asketische Auffassung der Trobadore hinaus und war ein Skandal. Chrétien verfaßte selbst nur die ersten 7000 Verse und ließ das Werk durch Geoffroi de Lagny, einem seiner Schüler, vollenden.
Le chevalier au lion (1177/81) zählt sicher zu den gelungensten Romanen Chrétiens. Yvain, Ritter am Hof von König Arthus, erfährt von einer Zauberquelle, die von einem schrecklichen Ritter bewacht wird, der bereits einen Ritter von Arthus besiegt hat. Vom Seneschall Keu herausgefordert, reitet Yvain zu der Quelle, besiegt deren Wächter und heiratet dessen Frau Laudine. Kurz nach der Hochzeit zieht es ihn jedoch zu neuen Abenteuern in die Welt. Laudine gewährt ihm 1 Jahr Urlaub, fordert aber, die Frist unbedingt einzuhalten. Als Yvain sie überschreitet, wird er von seiner Frau verstoßen. Er verliert darüber seinen Verstand und lebt wie ein wildes Tier im Wald. Er wird jedoch geheilt und gewinnt einen Löwen zum Freund, dem er im Kampf gegen eine Schlange beisteht. Nach vielen Abenteuern, in denen die Vorbildlichkeit des Ritterstandes an der Hauptfigur vorgeführt wird, verzeiht ihm Laudine, und es kommt zum glücklichen Ende.
Der Roman greift eine ähnliche Thematik auf wie Erec et Enide. Allerdings wird die Ehe nun durch egoistische Ritterlichkeit, die nur auf den eigenen Ruhm abzielt, in eine Krise gestürzt. In beiden Romanen scheint dasselbe Ideal auf: die Einheit von legaler Liebe und ritterlichem Verhalten im Dienst für die geliebte Frau und für die Gemeinschaft.
Zwischen 1182 und 1190 befindet sich Chrétien de Troyes im Dienste des Grafen von Flandern. In dieser Zeit schreibt er seinen letzten und unvollendet gebliebenen Roman Le roman de Perceval ou Le conte du Graal. Gleich im Prolog verweist er auf eine Quelle für die Graalsgeschichte, die er vom Grafen bekommen haben soll (möglicherweise eine lat. Chronik). Dieses Werk ist allerdings nicht erhalten, und Chrétiens Hinweis löste eine Debatte unter Literaturwissenschaftlern und Historikern über den Ursprung der Graalslegende aus.
Perceval lebt zunächst mit seiner Mutter völlig zurückgezogen im Wald. Später erfährt er, daß sein Vater und seine Brüder als Ritter im Kampf den Tod gefunden hatten und seine Mutter ihm dieses Schicksal ersparen wollte. Als Perceval eines Tages im Wald auf eine Gruppe von Arthus-Rittern stößt, ist er so von ihnen bezaubert, daß er selbst Ritter werden möchte. Seine Mutter stirbt bei seiner Abreise vor Schmerz. Am Hof von König Arthus entwickelt sich Perceval bald zu einem der besten Ritter. Eines Tages stößt er auf eine Burg, in der er vom Fischerkönig zum Abend bewirtet wird. Dabei wird er Zeuge einer merkwürdigen Prozession: ein Jüngling trägt eine blutende Lanze und hinter ihm erscheinen zwei Jungfrauen, die eine Silberschale und den Graal tragen. Perceval fragt nicht nach dem Sinn des Ganzen, da ihm bei seiner ritterlichen Erziehung beigebracht wurde, keine unnützen Fragen zu stellen. Am nächsten Morgen ist das Schloß verschwunden. Kurz darauf erscheint eine Botin am Hof des Königs Arthus, die alle verflucht, weil Perceval seine Probe nicht bestanden habe. Er begibt sich auf die Suche nach dem Graal und trifft schließlich auf einen Einsiedler, der ihm die Geheimnisse enthüllt: Der Einsiedler ist der Onkel des Fischerkönigs und Bruder von Percevals Mutter. Im Graal befand sich eine Hostie, von der sich der verwundete Vater des Fischerkönigs ernährt. Das Land sei durch die Verwundung des Königs dem Untergang geweiht. Perceval hätte das Land erlösen, den König heilen und selbst ewige Erlösung finden können, wenn er nach dem Sinn der Prozession gefragt hätte.
Im zweiten Teil steht Gauvain, der beste Ritter am Hof von König Arthus, im Mittelpunkt. Er begibt sich auf die Suche nach der Burg des Fischerkönigs und dem Graal, scheitert aber bei seiner Suche.
Dieser Roman Chrétiens ist sicher der komplexeste aus dem Werk des Romanciers. Hier steht nicht mehr nur ein Ritter, sondern mit Gauvain und Perceval 2 Ritter im Mittelpunkt, deren Entwicklung konträr verläuft. Mit der Einbindung der Graalsgeschichte erhält der Roman eine mystische Dimension, die Suche Percevals eine Bedeutung, die die bisherige Ritterwelt übersteigen lassen und den Perceval zu einem viel bearbeiteten Werk werden ließ. Außerdem läßt die Unabgeschlossenheit des Romans Platz für viele Spekulationen.
Fortsetzungen und Bearbeitungen des Perceval
Zwischen dem Ende des 12. und Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden 4 Continuations des Romans in Versen. In der ersten Fortsetzung (anonym, Ende des 12./Anfang des 13. Jahrhunderts) wird die Geschichte von Gauvains Suche weitererzählt: Gauvain gelangt schließlich auf das Schloß des Fischerkönigs, schläft aber an der entscheidenden Stelle ein... In der zweiten Fortsetzung (von einem Kleriker, der sich selbst einen falschen Namen gab, Ende des 12./Anfang des 13. Jahrhunderts) steht wieder Perceval im Mittelpunkt. Er liebt zwei Frauen: Blancheflor mit einer aufrichtigen Liebe und eine mysteriöse Fee mit einem (Jagd-)Hund, mit der er sich sinnlichen Genüssen hingibt. Durch den Einfluß dieser Fee vergißt er den Auftrag (die Graalssuche) und jagt ihrem Hund hinterher. Schließlich gelangt er doch noch auf die Graalsburg. Aber des Geheimnis bleibt ihm weiter verborgen. In der dritten Fortsetzung (Gerbert de Montreuil, 1233/37) muß Perceval abermals viele Abenteuer bestehen. Schließlich gelingt es ihm, mit Hilfe Trébuchets, des Schmiedes der anderen Welt, das zerbrochene magische Schwert zusammenzuschmieden. Auch wird er in die Geheimnisse des Graals eingeweiht. In der vierten Fortsetzung von einem gewissen Manessier schließlich nimmt Perceval Rache für alles Unrecht im Zusammenhang mit dem Graal und begründet zum Schluß die Linie der Graalshüter.
Robert de Boron schuf mit seinen 3 Romanen erstmals eine Gesamtkonzeption der Arthus- und Graalswelt, indem er sie mit der frühen Kirchengeschichte verknüpfte. Wahrscheinlich benutzte er Quellen aus den Klöstern von Glastonbury und der Zisterzienser. Im Roman de l'Estoire del Graal (um 1180) wird die Herkunft des Graals erzählt: Er sei ein Gefäß, mit dem das Blut Jesu Christi bei der Kreuzigung durch Joseph aufgefangen wurde. Er habe bei der Christianisierung Britanniens die Graalshüter begründet, deren Aufgabe es sei, die Christianisierung Europas sicherzustellen. Im Merlin werden die Herkunft des Zauberers, seine Verbindung mit Arthus und die Enstehung der Table Ronde geklärt. Merlin sei aus der Verbindung des Teufels mit einer Jungfrau hervorgegangen. Bei ihm dominierten aber die positiven Züge, und er habe vom Teufel nur die Gabe der Weissagung behalten. Merlin verhilft Uter Pendragon auf den Thron und erwirkt von ihm die Einrichtung der Table Ronde als Ausdruck der totalen Gleichheit aller Ritter. Merlin verhilft Uter Pendragon aber auch durch seine Zauberkraft zu einer Liebesnacht mit der Frau seines Vassallen, obwohl er die Verbindung ablehnt. Aus der Liebesnacht geht Arthus hervor, dessen Berater Merlin wird. Im Perceval (später als Didot-Perceval bezeichnet) wird das Ende der Arthus-Welt geschildert. Der König wird im Kampf gegen die Angeln und Sachsen tödlich verwundet und durch die Fee Morgane auf die Insel Avalon getragen. Alle drei Versromane sind in Prosafassungen überliefert und insofern auch Zeugnis der Prosaauflösung des Romans zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert.
Der Perlesvaus (anonym, 1191/1225), der erste französische Prosaroman, schildert die Abenteuer von 3 Graalssuchern. Gauvain erlebt das Abenteuer auf der Graalsburg nur unvollständig. Lancelot scheitert wegen seiner frevelhaften Liebe zu Guenièvre. Perceval, der hier völlig überhöht dargestellt wird, gelingt es schließlich, die Feinde des Graals zu besiegen und seine Mutter zu rächen.
Zwischen 1215 und 1230/35 entstand mit dem Prosa-Lancelot, wahrscheinlich das Kollektivwerk von Klerikern, das umfangreichste Werk über die Arthuswelt und den Graal. Der Zyklus aus Prosaromanen besteht aus folgenden Teilen: L'estoire del Saint Graal, Merlin, Lancelot du lac, Queste del Saint Graal und La morte le roi Artu. Die beiden ersten Teile folgen weitestgehend Robert de Boron. Im Lancelot du lac wird berichtet, wie Lancelot von der Fee Viviane aufgezogen wird, nachdem das Land seines Vaters Bran de Bénoïc durch Claudas erobert und verwüstet wurde. Sie bringt ihn später an den Hof des Königs Arthus, für den er viele Abenteuer besteht. Er verliebt sich jedoch unsterblich in Guenièvre. Derweil wird das Land Logres von Galehaut, dem Sohn einer Riesin und Herrn der fernen Inseln, überfallen. Aus Bewunderung für Lancelot wird Galehaut jedoch zum Verbündeten von König Arthus. Galehaut ermöglicht schließlich auch an seinem Hof ein Rendez-vous Lancelots mit der Königin. In der Folge wird die Liebe der beiden in vielen Abenteuern auf die Probe gestellt. Später kommen 3 Arthusritter zur Graalsburg, die jedoch alle die erlösende Frage nicht stellen. Gauvain wird danach furchtbar gedemütigt. Lancelot und Bohort scheitern ebenfalls. Lancelot erkennt jedoch den tieferen Sinn des Ganzen. Er wird immer melancholischer und ihm widerfahren als Zeichen seiner Schuld immer mehr Mißlichkeiten.
In diesem Teil werden wichtige Elemente aus Chrétiens Romanwerk aufgegriffen (Liebe Lancelots zu Guenièvre und bedingungsloser Liebesdienst, Graalsprüfung und Versagen der Ritter). Zugleich zeigt die literarische Abrechnung mit dem Amour courtois (im Verhältnis Lancelot-Guenièvre) die klerikale Bearbeitung des Stoffes.
In der Queste des Saint Graal kommt Galehaut zu Pfingsten nach Camaalot. Er setzt sich auf den verbotenen Platz in der Table Ronde und reißt das Schwert aus dem Marmor, ohne daß ihm etwas geschieht - düsteres Zeichen des Untergangs der Arthuswelt, die durch Lancelots Verhalten bedroht wird. Kurz darauf erscheint der Graal und verschwindet wieder. Nun begeben sich 150 Ritter auf seine Suche, scheitern jedoch alle. Lancelot übt Buße für sein Verhalten und sieht in einem 24stündigen Traum den Graal von weitem. Drei Auserwählte unter den Graalssuchern - Galehaut, Bohort und Perceval -übernachten in einem wunderbaren Bett, das aus dem Baum des Lebens gebaut wurde. Dort finden sie das Schwert Davids. Galehaut zieht es aus der Scheide und sie fliegen mit dem Bett über das Meer ins Heilige Land, wohin der Graal entführt wurde. Sie gelangen in die Nähe von Jerusalem. Galehaut schaut unerträgliche Wunder und stirbt. Perceval zieht sich aus der Welt zurück und stirbt ebenfalls kurz darauf. Nur Bohort kehrt an den Hof von König Arthus zurück.
In La morte le roi wird geschildert, wie erneut die Liebe Lancelots zur Königin Guenièvre entflammt. Der König überrascht beide. Lancelot flieht und rettet Guenièvre vor dem Scheiterhaufen. Es folgt ein erbitterter Krieg zwischen Arthus und Lancelot, der durch den Papst geschlichtet wird. Guenièvre kehrt zu Arthus zurück. Der König zieht erneut in den Kampf gegen Lancelot und vertraut sein Land seinem inzestuösen Sohn Mordret an. In der Schlacht kommt es zum Zweikampf zwischen Gauvain und Lancelot, bei dem Gauvain schwer verletzt wird. Die Auseinandersetzungen werden vom Einfall der Römer in Gallien unterbrochen. Arthus siegt in der Schlacht gegen die Römer, aber Gauvain wird im Kampf getötet. In der Ebene von Salesbury kommt es dann zur riesigen Schlacht gegen Mordret. Arthus wird tödlich verwundet und wirft sein Schwert Escalibur ins Meer. Eine geheimnisvolle Hand hebt es jedoch wieder auf. Arthus entschwindet auf einem Schiff der Fee Morgane ins Land Avalon. Lancelot rächt Arthus. Die meisten Ritter ziehen sich dann als Eremiten zurück.
Die Autoren haben sich hier weitgehend an die Vorlagen von Geoffroy of Monmouth und Wace gehalten. Enstanden ist eine riesige Saga, die einserseits mit der Arthus-Welt abrechnet und andererseits alle vorhandenen Bearbeitungen zu einem erstaunlichen, wenn auch stark ideologisierten, Ganzen kompiliert.
Tristan et Iseut
Die Geschichte der tragischen Liebe zwischen Tristan und Isolde - ebenfalls der keltischen Sagenwelt entlehnt - war neben der Arthus- und Graalsthematik einer der beliebtesten Stoffe für die Romanliteratur des 12. Jahrhunderts. Überliefert sind zwei Fassungen. Thomas d'Angleterre verfaßte zwischen 1155/75 einen düster-tragischen Roman: Tristan stellt in der Hochzeitsnacht fest, daß er mit der falschen Isolde verheiratet ist. Seine Geliebte - beide sind durch einen Zaubertrunk verbunden - lebt am Hof des Königs Marc. Auf der Suche nach ihr wird Tristan tödlich verwundet. Als Isolde ihren Geliebten tot findet, stirbt sie ebenfalls.
Der Roman de Tristan (1170/90) von Béroul (wahrscheinlich ein Jongleur). Tristan lebt als Waise am Hof seines Onkels Marc (in Cornouailles) und verliebt sich in dessen Frau Iseut. Der König beobachtet ein Rendez-vous der beiden. Er will die Liebenden dem Feuer übergeben, aber das Volk lehnt sich dagegen auf, denn Tristan hatte einst das Königreich gerettet, als er den Dämonen Morholt besiegte, der Menschenopfer forderte. Tristan entkommt der Gefangenschaft und befreit Iseut. Auf der Flucht über das Meer nach Irland nehmen beide einen Zaubertrank zu sich, der sie ewig aneinander binden soll. Sie leben im Wald von Morroi, wo der Zauber allerdings nicht mehr funktioniert. Die Liebe der beiden stirbt und Iseut kehrt zu Marc zurück.
Beide Werke sind nur fragmentarisch überliefert. Der Roman von Béroul scheint jedoch mehr der mündlichen Sage zu entsprechen. Gemeinsam ist beiden Romanen die fatalistische Sicht auf die Liebe, die hier als Schicksalsmacht auftritt, die nicht zu bändigen ist und sich insofern deutlich sowohl von klerikalen Vorstellungen über Partnerschaft als auch vom höfischen Liebesideal unterscheidet.
Literatur:
Roman antique
Roman courtois - Chrétien de Troyes
Erec et Enide
Yvain ou Le Chevalier au Lion
Lancelot ou Le Chevalier de la charrette
Perceval ou le Conte du Graal
Tristan
Prosaroman
Konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung der Seite: Dr. Roberto Mann und Dr. Olivier Podevins
CIFRAQS
3.11.2003