Mittelalterliche Literatur Frankreichs - Einführung
und Überblick
Begriff und Datierung
Der Begriff Mittelalter - Moyen Age wurde im Humanismus
gebildet und ist pejorativ geprägt. Er assoziiert eine dunkle Phase zwischen
Antike und Neuzeit. Auch wenn der Begriff heute in der Wissenschafts- und
Allgemeinsprache etabliert ist, sollte man sich doch seiner beschränkten,
weil normativ an der Antike als überzeitliches Ideal orientierten, Ausrichtung
stets bewußt sein.
So problematisch wie der Begriff ist auch die
Datierung für diese Epoche. Läßt man sie mit dem Zusammenbruch
des Römischen Reiches (in Gallien mit dem Sieg der Franken 486 bei Soissons
gegen ein gallorömisches Milizheer unter Syagrius) beginnen? Oder wählt
man die Kaiserkrönung Karls des Großen 800 als Ausgangspunkt, die
ja auch von den Zeitgenossen als Epochenwende begriffen wurde? Oder wählt
man eine sprachgeschichtliche Zäsur wie etwa die Straßburger Eide
(842) als erste schriftliche Zeugnisse für die entstandenen Volkssprachen,
die sich nunmehr deutlich vom gelehrten Latein abhoben? Für eine literaturgeschichtliche
Perspektive scheint das letztere Herangehen am sinnvollsten zu sein.
Aneignung der Antike durch das Christentum
Die assoziierte Gegenüberstellung von Antike
und Mittelalter ist auch deshalb problematisch, weil die Antike (vor allem
Rom) im gesamten Mittelalter präsent war. Bereits für die ersten
frühchristlichen Autoren im Römischen Reich stellte sich die Frage
nach der Vereinbarkeit des antiken (heidnischen) Wissens mit dem christlichen
Glauben. Dabei wurden verschiedene Argumente für dessen Aneignung entwickelt:
So wurde ein Satz aus dem 5. Buch Mose - "Jahwe gebietet, wenn ein Hebräer
eine heidnische Sklavin ehelichen möge, so müsse er ihr Haupthaar
und Nägel beschneiden" - allegorisch gedeutet. Griechische und römische
Texte müssen ebenso für das Christentum bearbeitet werden.
Die entscheidende Rolle für die Aneignung
der Antike durch das Christentum spielte jedoch Augustinus (5. Jhd.).
Er beschrieb die Weltgeschichte als Abfolge von 4 Weltreichen. Das letzte
Reich sei Rom gewesen, das durch das Jüngste Gericht aufgehoben werde.
Daher rührte auch die Endzeiterwartung des Mittelalters. Rom habe jedoch
sein Königreich durch Laster und schuldhaften Mißbrauch von Macht
verspielt. Das Christentum sei daher der rechtmäßige Erbe Roms.
Aus der Bibel wurde der Gedanke übernommen, daß ein Königreich
von einem Volk auf das andere kommen könne (Translatio Imperii).
In ähnlicher Weise könne auch das Wissen von einem Volk auf
das andere übertragen werden (Translatio studii).
Im MIttelalter gab es dann eine Reihe von durch
die Kirchenväter sanktionierten Auctores, die in der Bildung stets
präsent waren. Zu den "heidnischen" antiken Auctores gehörten
beispielsweise Vergil, Homer, Terenz oder Lukian.
Christliche Auctores waren Boethius, Statius, Martianus
Capella u.a.
Die Artes liberales
Martianus Capella verfaßte auch um
400 eine Art Handbuch der 7 freien Künste, d.h. der Disziplinen, die
nicht dem Gelderwerb dienten: De nuptiis Philologiae et Mercurii. Der
Text stellt ein allegorisches Lehrgedicht dar: Der noch ungebundene Merkur
befragt den Gott Apoll, welche Frau er nehmen solle. Apoll schlägt nun
die hochgelehrte Jungfrau Philologia vor. Der folgende Ratschluß
der Götter billigt das Vorhaben. Die Philologie wird durch ihre Mutter
für die Verbindung geschmückt und mit den Kardinaltugenden und 3
Grazien versehen. Sie muß zur Vorbereitung der Vermählung viele
Bücher lesen, um der Unsterblichkeit würdig zu sein. Schließlich
wird sie in einer Sänfte gen Himmel befördert, die durch die Jünglinge
Amor und Labor getragen und von den Mägden Epimalia
(Sorgfalt) und Agrypnia (Nachtarbeit) begleitet wird. Bei den Göttern
angelangt, erhält die Philologie die 7 freien Künste als Hochzeitsgeschenk.
Die 7 freien Künste bildeten die Grundlage
für die mittelalterliche Bildung.
Boethius faßte die Arithmetik, die
Geometrie, die Astronomie und die Musik zum Quadrivium
zusammen.
Das Trivium existierte seit dem 9. Jahrhundert.
Es bestand aus : Rhetorik, Grammatikund Dialektik.
Die Grammatik (von griech. gramma - Buchstabe) meinte ursprünglich
die Kunst des Lesens und Schreibens. Später kam jedoch die Texterläuterung
(der Kommentar) hinzu. Die Literatur war übrigens Bestandteil
der Grammatik. Ein Litteratus war ein Kenner der Grammatik und der
Poesie.
Die Rhetorik gab es als Disziplin seit
dem antiken Griechenland. Auch hier studierte man im Mittelalter durchaus
antike Autoren als Vorbilder (v.a. Quintilian). Im Rhetorik-Unterricht wurde
zum Beispiel die Einteilung der Rede, die Verwendung von Topoi (fester
Wendungen zur Ausschmückung der Rede) und von Stilfiguren gelehrt.
Die Artes liberales waren auch in der Kunst allgegenwärtig
und wurden (z.B. in Kirchen) als Allegorien dargestellt.
Wirklichkeitssicht im Mittelalter - Allegorie,
Typologie und Etymologie(1vgl.
dazu Rupprecht Rohr: Matière, sens, conjointure. Darmstadt 1978)
Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert war der Begriffsrealismus
vorherrschend. Alle Phänomene der Außenwelt wurden nur als Repräsentationen
des Essentiellen (d.h. der göttlichen Offenbarung) verstanden. Die Welt
stellte sich folgerichtig als Gewirr von Zeichen dar, deren Sinn es auf der
Basis der Heiligen Schrift und der Auctores zu entschlüsseln gelte.
Die mittelalterlichen Autoren bedienten sich daher
der Allegorie, der Typologie, der Etymologie und gewisser Symbolkompendien
(Tier-, Pflanzen- und Steinbücher) zur Deutung der sie umgebenden Welt.
Die Typologie stellt Analogiebeziehungen
zwischen realen und fiktiven Ereignissen einerseits und der Christusgeschichte
andererseits her. Das zeigt sich zum Beispiel in der Handlungsstruktur der
Chanson de Roland (2vgl.
Raimund Rütten: Symbol und Mythos im altfranzösischen Rolandslied. Braunschweig
1970), wenn Roland durch Verrat eines der 12 (!) Vertrauten
Karls d. Großen als Märtyrer stirbt (Kreuzigung Christi) und er
anschließend in einer schrecklichen Schlacht durch das Heer des fränkischen
Kaisers gerächt wird (Jüngstes Gericht).
Die Allegorie verfährt in ähnlicher
Weise. Sie stellt aber Analogiebeziehungen nur zwischen Einzelphänomenen
her. Dinge der Wirklichkeit (eben Tiere, Pflanzen u.a.) können auf die
christliche Heilsgeschichte, auf ethische Werte oder auf Zukünftiges
verweisen. In der künstlerischen Gestaltung erscheint die Allegorie dann
meist als Personifizierung von christlichem Gedankengut oder moralischen Werten.
Sie ist sowohl in der Literatur (s. Roman de la Rose) als auch in der
Bildenden Kunst allgegenwärtig.
Die Etymologie ist dagegen ein spezielles
Deutungsverfahren auf sprachlicher Ebene, um vom Gesagten zum Gemeinten zu
gelangen. Bei gleich- oder ähnlich lautenden Worten wird die Bedeutung
des Wortes getauscht. Dieses Verfahren wurde durch Isidor von Sevilla
(6. Jhd.) begründet.
Literaturverbeitung
Literatur wurde im Mittelalter zum Großteil
mündlich verbeitet, da ein ohnehin nur ein Bruchteil der Bevölkerung
lesen und schreiben konnte: anfangs ausschließlich der Klerus, ab dem
12. Jahrhundert auch zunehmend Vertreter des Adels. Dies hatte wieder Konsequenzen
für die sprachkünstlerische Gestaltung. Texte, die zum mündlichen
Vortrag gedacht waren - auch und vor allem Erzähltexte wie Heldenlieder,
Romane und Kurzerzählungen - waren Versen verfaßt. Außerdem
unterstützen Wiederholungen, feste Redewendungen und Handlungsstereotypa
das improvisierte Vortragen des Textes. Da längere Werke (z.B. Chansons
de geste) über mehrere Tage verteilt vorgetragen wurden, enthielten
sie Zusammenfassungen und Wiederholungen. Außerdem wurden die Texte
oft musikalisch begleitet. Bei der Rezeption von Erzähltexten ist eine
gewisse Entwicklung festzustellen: Die Chansons
de geste wurden vor einem großen Publikum (auf Märkten, bei
Feiern) improvisierend vorgetragen. Die höfischen
Romane dagegen las man ebenso wie die märchenhaften Lais
vor einem exklusiven höfischen Publikum laut vor. Der Paarreim unterstützte
das Hören des Textes, ließ aber andererseits kaum noch Improvisationen
im Vortrag zu. Später wurde dann individuell gelesen, aber man las bis
zum Ende des Mittelalters Texte laut!
Zweites wichtiges Merkmal ist die Tatsache, daß
es - bedingt durch die Zweisprachigkeit im Bildungs- und Kulturbereich - im
Grunde zwei mittelalterliche Literaturen gab: eine mittellateinische
und eine volkssprachige Literatur. Hinzu kommt noch, daß die
volkssprachige Literatur in verschiedenen Sprachen (Französisch und Okzitanisch)
sowie in verschiedenen Dialekten existierte, die zum Teil erheblich voneinander
abwichen. Am häufigsten waren dabei das Anglonormannische (Chanson
de Roland, Marie de France), das Pikardische (Fabliaux,
Rutebeuf) und das Champenionische (Chrétien de Troyes) vertreten.
Dies muß nicht verwundern, waren doch die Sprachgebiete dieser Dialekte
zugleich wirtschaftliche und kulturelle Zentren des französischen Hochmittelalters
(das prosperierende Reich der Plantagenêts, die Messen der Champagne
und die Tuchindustrie in der Picardie).
Da es keinen Buchdruck gab, wurden Texte mit der
Hand abgeschrieben und oft reichhaltig illustriert. Beim Kopieren wurden oftmals
Veränderungen vorgenommen: Verschiedene Texte wurden miteinander kompiliert,
die Sprache dem Dialekt des Kopisten angepaßt, Teile des Werkes weggelassen
oder frei hinzugefügt. Deshalb ist es heute auch recht schwer, mittelalterliche
Texte zu datieren, Autoren oder Herkunft zu ermitteln.
Die Akteure
Haupakteure waren natürlich die Kleriker.
Anfänglich waren nur sie des Lesens und Schreibens in beiden Sprachen
kundig. Durch ihre Ausbildung in Klöstern und Kathedralschulen verfügten
nur sie über die grammatischen und rhetorischen Fertigkeiten zum Verfassen
literarischer Texte. Außerdem waren sie es auch, die durch das Kopieren
für die Verbreitung der Texte sorgten. Die Mehrheit der mittelalterlichen
Autoren kam daher auch aus dieser Gesellschaftsschicht.
Eine wichtige Rolle für die Verbreitung der
volkssprachigen Literatur spielten die Jongleurs. Das waren umherziehende
Multitalente, die bei öffentlichen Festen Lieder und Heldengedichte (später
auch Theaterstücke) aufführten, dazu musizierten und akrobatische
Kunststücke aufführten. Diese Künstler standen auf unterster
sozialer Stufe in der Hierarchie der mittelalterlichen Gesellschaft. Bereits
im 9. Jahrhundert durch kirchliche Synoden und Konzilia exkommuniziert, besaßen
sie zum Beispiel (ähnlich den Prostituierten) kein Stadtrecht und waren
auf Gaben des Publikums angewiesen. Andererseits spielten sie als Wanderer
zwischen den Kulturen eine wichtige Mittlerrrolle zwischen keltischer, okzitanischer
und französischer Kultur.
Neben ihnen gab es Clerici vagantes, umherziehende
Kleriker, die wiederum Texte und Geschichten der Jongleurs aufzeichneten und
damit die Voraussetzung für deren literarische Gestaltung schufen.
Mit der Entstehung einer ausgeprägten und
selbstbewußten Hofkultur im 12. Jahrhundert tritt allmählich auch
der Adel als Kulturträger in Erscheinung, sei es als Mäzen (Förderer
der Künste an ihren Höfen) oder als Dichter selbst (z.B. Trobadors oder Trouvères). Kulturelle Zentren waren in dieser Hinsicht
in Nordfrankreich die Höfe von Marie
de Champagne, Adèle de Blois,
Philippe de Flandres oder Henri II Plantagenêt.
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