Helmuth Plessner
(1892-1985)
Philosoph und
Soziologe in Köln, Groningen,
Göttingen, Zürich. Mit Max Scheler Begründer der
Philosophischen Anthropologie.
Plessner prägt die Kategorie der »exzentrischen
Positionalität« für den
Menschen im Vergleich zu Pflanze (»offene
Positionalität«) und Tier
(»geschlossene Positionalität«). Allem Lebendigen
gegenüber dem Unbelebten ist
gemeinsam, dass sie »grenzrealisierende Dinge« sind.
Leben: Studium
der Medizin und Zoologie in Freiburg/Br. und Heidelberg (Diss.:
»Die
wissenschaftliche Idee«), Philosophie bei Driesch, Windelband und
Husserl in
Göttingen und Erlangen. 1920 Habilitation in Köln für
Philosophie
(»Untersuchungen zu einer Kritik der philosophischen
Urteilskraft«).
Privatdozent, seit 1926 außerordentlicher Professor in Köln
– neben dem dort
ebenfalls lehrenden Max Scheler. 1923 erscheint die anthropologisch
fundierte
Kulturphilosophie »Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer
Ästhesiologie des
Geistes«; 1924 schreibt Plessner seine sozialkritische Schrift
»Grenzen der
Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus«. 1928
veröffentlicht er
sein Hauptwerk: »Die Stufen des Organischen und der Mensch.
Einleitung in die
philosophische Anthropologie«, gefolgt von der komplexen Studie
»Macht und
menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen
Weltansicht« (1931) mit der Betonung der
»Unergründlichkeit« des Menschen und
der daraus resultierenden Notwendigkeit des Politischen. Als
›Nichtarier‹ wird
Plessner 1933 die Lehrerlaubnis entzogen. Er emigriert zunächst
nach Istanbul
und dank Frederik J. J. Buytendijk nach Groningen, wo er 1946 eine
Professur
für Philosophie erhält. Im Exil entstehen die berühmte
Deutschlandstudie »Das
Schicksal deutschen Geistes« (1935, bekannt unter dem Titel der
Neuausgabe:
»Die verspätete Nation«, 1959); sowie die
philosophisch-anthropologische Studie
»Lachen und Weinen«. 1952 -1961 ist Plessner Professor
für Soziologie in
Göttingen; dabei fungiert er u.a. als Rektor der Universität
Göttingen, wie
auch als Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für
Philosophie in Deutschland
und der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Bereits emeritiert,
erhält
Plessner 1962 die Theodor-Heuss-Professur der New Yorker New School.
1965-72
lehrte er in Zürich.
Werk: Helmuth
Plessner hat mit seiner raffinierten Kategorie der »exzentrischen
Positionalität« und dem Gedanken der
»Grenzrealisierung« lebendiger Wesen einen
fruchtbaren und hoch reflektierten Ansatz Philosophischer Anthropologie
entworfen.
Die Pointe dieser Theorie des Menschen besteht im kategorialen
Pflanze-Tier-Mensch-Vergleich, der die »Sonderstellung« des
Menschen unter den
Lebewesen in der biologischen
Organisationsform dieses Lebewesens fundiert - gegen Biologismen, die
den
Mensch in die Reihe des Lebens einreihen, und Idealismen, die den
Menschen aus
dem Tierreich entfernen, so dass naturwissenschaftliche Forschungen
isoliert
neben geisteswissenschaftlichen stehen. Dabei erreicht Plessner den
Menschen
biophilosophisch, von ›unten‹ her, in der Reihe des Lebendigen; und
phänomenologisch von der ›Seite‹ her, in der Beobachtung der
Korrelation von
Lebewesen und Umwelt. Wie alle Lebewesen seine Grenze realisierend und
an ihr
erscheinend; wie Pflanzen und Tiere leibkörperlich positioniert;
wie Tiere
durch ein Zentralnervensystem organisiert - ist es für den
Menschen
kennzeichnend, dass er distanziert, »exzentrisch
positioniert« ist. Alle
menschlichen Monopole lassen sich von hier aus in drei
»anthropologischen
Grundgesetzen« begründen: der Mensch lebt in
»natürlicher Künstlichkeit«, wegen
seiner instinktentbundenen Weltoffenheit benötigt und hat er
»Anlass« zu
Kultur; er lebt in »vermittelter Unmittelbarkeit«, muss
sich wegen seiner
Exzentrizität stets neu ausdrücken, um sich zu finden; er ist
das Tier im
»utopischen Standort«, immer bestrebt, letzte Zuflucht zu
finden - das Monopol
der Religion - ohne dies zu können. An diese Biophilosophie
anschließend legt
Plessner die »Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht« vor, die in der konstitutiven
Unergründlichkeit des Menschen zu anderen und zu sich selbst
(»homo
absconditus«) die »Pflicht zum Politischen« entdeckt.
Die Deutschlandstudie
arbeitet wissenssoziologisch heraus, wie die Überdehnung der
»Innerlichkeit«
des deutschen Bildungsbürgertums in der politisch
»verspäteten Nation« eine
unpolitische, »entsicherte« Haltung und einen sukzessiven
Abbau der Autoritäten
(bis zum geistfeindlichen ›Leben‹ in der Resonanz machenden deutschen
Lebensphilosophie und dem folgenden »volksbiologischen
Aufbruch«) zur Folge
hat, die der nationalsozialistischen Mythisierung von Volk und Nation
verfiel.
Anhand der
fundamentalen Phänomene von »Lachen und
Weinen« wird gezeigt, wie beim Menschen, diesem exzentrisch
positionierten
Wesen, körperliche Antwortreaktionen
für geistige Ausnahmezustände einspringen, wie die Verbindung
von Körper und
Geist sich also ganz konkret zeigt.
Insgesamt betont
Plessners Kategorie »exzentrische
Positionalität« die Unergründlichkeit des Menschen,
bestimmt ihn nicht wie
andere philosophische Anthropologien über eine
Fähigkeit (animal rationale, zoon politikon,
Sprachfähigkeit), sondern über die
besondere Querlage des Menschen: wie ein Tier leibkörperlich
positioniert und
zugleich anders als alle Tiere aus dieser Positionierung exzentrisch
herausgesetzt zu sein, konstitutiv nicht in Deckung zu sich kommen zu
können.
Von daher ist der Mensch von seiner vitalen Natur her ein
(geschichtliches,
politisches) Kulturwesen, das sich zu dem machen muss, was es ist.
Gegenüber
den Entwürfen von Max Scheler einerseits und Arnold Gehlen
andererseits liegt
die Aufmerksamkeit Plessners mehr auf der Masken- und Rollenhaftigkeit
des
menschlichen Lebens, der Expressivität, des Spiels, der Distanz.
Zunächst
wegen des Exils und Plagiatvorwürfen kaum
Resonanz erfahrend, sind die »Stufen des Organischen« seit
den 1990er Jahren
(und dank der Tätigkeit der 1999 gegründeten Helmuth Plessner
Gesellschaft) das
sicherlich am intensivsten rezipierte Werk der Philosophischen
Anthropologie.
Plessner hat daneben aber auch eine originelle und noch zu entdeckende
Medientheorie entworfen (»Die Einheit der Sinne«). Die
Deutschlandstudie
»Schicksal deutschen Geistes« machte Furore; die
Gesellschaftstheorie (»Grenzen
der Gemeinschaft«) wird ebenfalls seit 1990 neu entdeckt, als
eine der wenigen
Sozialtheorien, die gegen jede Gemeinschaftssehnsucht das Recht der
gesellschaftlichen Sozialform betonen. Plessner war
neben diesen philosophischen Impulsen
für das deutsche Denken im 20. und 21. Jahrhundert zugleich auch
ein wichtiger
Soziologie der jungen Bundesrepublik, der an ihrem intellektuellen
Aufbau, auch
mit gesellschaftspolitischen Interventionen (Hochschulforschung,
Erwachsenenbildung) maßgeblich beteiligt ist. Bis zum Ende seines
Lebens führt Plessner
philosophisch-anthropologische Arbeiten (zu Kunst, Schauspiel, Sport)
fort.
[ Hauptwerke zur
Philosophischen Anthropologie]
»Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die
philosophische Anthropologie«, Bonn 1928. 3. Aufl. Berlin 1975.
Außerdem in: Gesammelte Schriften Bd. IV.
»Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der
geschichtlichen Weltansicht«. 1931. In: GS V, 135-234.
»Lachen und Weinen. Eine Untersuchung über die Grenzen des
menschlichen Verhaltens«, 1941. In: GS VII, 201-388.
»Die Frage nach der conditio humana«, 1961. In: GS VIII,
136-217.
[Werkausgabe]
H.P., Gesammelte Schriften, 10 Bände, hrsg. v. Günther Dux,
Odo Marquard und Elisabeth Ströker unter Mitwirkung v. Richard W.
Schmidt, Angelika Wetterer und Michael-Joachim Zemlin, Frankfurt/M.:
Suhrkamp 1981-1985.
2003 als stw-Ausgabe.
[Bibliographie ] website
der Helmuth Plessner Gesellschaft
[Übersetzungen] website
der Helmuth Plessner Gesellschaft
Die Übersetzung des Hauptwerkes (Stufen)
v.a. ins Englische und Französische steht noch aus; im
Italienischen ist sie 2006 erschienen (übersetzt von V. Rasini).
Macht und menschliche Natur ist dort ebenfalls 2006 erschienen (übersetzt von B. Accarino), im Polnischen 1994 (E.
Paczkowska-Lagowska).
Lachen und Weinen ist auf englisch (J. S. Churchill & M. Grene 1970), französisch (O. Mannoni 1995), spanisch (1960) und italienisch (V. Rasini, 2000) lesbar.
[Sekundärliteratur seit 1990] website
der Helmuth Plessner Gesellschaft
[Nachlass]
Der Plessner Nachlass befindet sich an der Universität Groningen (Niederlande).
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