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Endlich amtlich promoviert

verspätete´Promtionsurkunde von James Macmillan Cowan
Die verspätete Promtionsurkunde von James Macmillan Cowan

Vor rund zwei Jahren konnte der am 13. August 1914 in Calcutta / Indien geborene Brite James Macmillan Cowan in der englischen Kleinstadt Chester mit 63 Jahren Verspätung sehr überrascht aber auch sehr glücklich seine Promotionsurkunde in Empfang nehmen. Bereits am 12. Juli 1939 hatte er seine Dissertation zum Thema "Das Verhalten des Quecksilberlichtbogens in einem transversalen Magnetfeld" an der Mechanischen Abteilung der TH Dresden erfolgreich verteidigt.
Wenige Tage nach bestandenem Doktor-Examen reiste er erst einmal zu seinen Eltern nach Schottland, um sich von den Anstrengungen der Promotion zu erholen. Die Promotionsurkunde war natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgefertigt. Nicht ahnend, dass eine Rückkehr nach Deutschland in den nächsten Jahren ausgeschlossen sein werde, war er erst einmal froh, dass er nach dem Überfall Deutschlands auf Polen und dem folgenden Kriegszustand mit Großbritannien nicht in Deutschland war.
Obwohl der ordentlich in Dresden promovierte Elektroingenieur auf den schriftlichen Beweis von seiner Promotionsurkunde über sechs Jahrzehnte verzichten musste, wurde er doch stets Dr. Cowan genannt. Er besitzt immer noch die 1939 ausgestellte Quittung der Druckerei in Dresden, die bestätigt, dass er 400 Exemplare seiner Promotionsarbeit bestellte und bezahlte. Erst nach Überlegungen seiner Tochter und seines Enkels, der in der Schweiz und Deutschland studiert und sich mit Professor Oskar Nuyken von der TU München beraten hatte, wurde bei TU-Rektor Professor Achim Mehlhorn angefragt, ob möglicherweise noch Unterlagen zu jenem Promotionsverfahren aus dem Jahre 1939 vorliegen. Und sie existieren sowohl in Form von Registereintragungen im Universitätsarchiv als auch im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden, so dass von der heutigen Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik eine neue Promotionsurkunde ausgefertigt werden konnte.

Studium während der dreißiger Jahre in Berlin und Dresden

Wahrscheinlich ist J. M. Cowan einer der letzten noch lebenden ausländischen Promovenden, die an der TH Dresden in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg studiert haben.
Sein schottischer Vater hatte als Ingenieur in Indien gearbeitet und seinen Sohn im Alter von acht Jahren mit seinen zwei Brüdern nach Schottland zur Schule geschickt, wo er zu den leistungsstärksten Schülern gehörte. Danach ging er an die Universität Glasgow, wo er 1937 das Studium als Elektroingenieur mit einem "first class honours degree" beendete. J. M. Cowan war gern Student und wollte die Welt kennen lernen. Er entschied sich sich ohne Kenntnis der deutschen Sprache für ein Auslandsstudium in Deutschland, da ihn ein spezielles Thema der Elektrotechnik besonders interessierte und Deutschland auf diesem Gebiet wissenschaftlich weiter fortgeschritten war als Grossbritannien. Das Studium in Deutschland wurde durch eine Stiftung ermöglicht, die das "Sir James Caird Travelling Scholarship" finanzierte. Es wurde an leistungsstarke Studierende vergeben, die gewillt waren, im Ausland zu studieren. Immerhin standen 350 englische Pfund pro Jahr und Student zur Verfügung. Dank des doppelten Wechselkurses für ausländische Studenten war es eine für damalige Verhältnisse recht großzügige Ausstattung, die ihm ein angenehmes Leben mit regelmäßigen Abendessen im vornehmen Hotel Kempinski "Unter den Linden" erlaubte. Der sportlich aktive schottische Student lernte als Mitglied eines Berliner Akademischen Segelvereins auf gemeinsamen Törns auf dem Wannsee schnell die deutsche Sprache. Dieser Segelverein hielt traditionell enge Kontakte zu Glasgow, das von den Berlinern bereits mit der Segelyacht "Prosit II" besucht worden war.
Er konzentrierte sich aber vor allem auf sein Fachstudium der Elektrotechnik, das er im Oktober 1937 bei den berühmten Professoren Heinrich Barkhausen, Walther Wolmann und Günther Güntherschulze an der Technischen Hochschule in Dresden fortsetzte. Heinrich Barkhausen (1881-1956) war der international unbestreitbar führende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik, Walther Wolmann (geb. 1901) hatte sich unter anderem mit Problemen der Elektroakustik und der Steuerung von Flugkörpern beschäftigt und Günther Güntherschulze (1877-1967) war Direktor des Instituts für Allgemeine Elektrotechnik. Diese drei Professoren fungierten auch als Mitglieder der Promotionskommission.

Freundschaften in Dresden geschlossen

Mit Professor Güntherschulze und dessen Stiefsohn Sepp war der schottische Student näher befreundet. Da hatten sich drei Männer gefunden, die sportlich ambitioniert waren und begeistert in den Wintermonaten im Osterzgebirge Ski liefen.
J. M. Cowan hatte auch in Dresden schnell Freundschaften geschlossen, sowohl zu deutschen Kommilitonen, als auch zu Studierenden aus den USA und Belgien. Befreundet war er besonders mit seinem Landsmann George Macfarlane. Mit ihm bereiste er im Frühjahr 1939 Italien. Während sie, bekleidet mit den traditionellen Schottenröcken, über Venedig und Rom nach Neapel reisten, unterhielten sie sich nur in Deutsch, um ihre Sprachfertigkeit zu vervollkommnen. Macfarlane beendete wenige Wochen nach dieser Reise seine Studien in Dresden mit der Promotion. Er avancierte später zum Direktor der Government Research Radar Station und zum Leiter der National Physics Laboratory von Großbritannien. Für seine Verdienste wurde der ehemalige Dresdner Student von der englischen Königin geadelt. Professor Barkhausen gab traditionsgemäß für Macfarlane noch ein Abschiedsessen, zu dem auch Cowan eingeladen war.

Überwachung durch NS-Organisationen

Obwohl die nationalsozialistischen Organisationen an der Hochschule freundschaftliche Kontakte der deutschen Studenten zu ihren ausländischen Kommilitonen am liebsten unterbunden hätten, hatte der lebenslustige Schotte auch unter den Deutschen Freunde, mit denen er sich mindestens einmal im Monat zum Bier traf, so beispielsweise Rolf Ladisch, der nach dem Studium für die deutsche U-Boot-Flotte arbeitete. Besonders befreundet war er mit Wilhelm Eberlein, Student des Bauingenieurwesens, den der schottische Student oft in dessen elterlichen Wohnung in Meissen besuchte.
Die Überwachung der Studenten war 1937 so weit fortgeschritten, dass beide Freunde bei zufälligen Begegnungen in der Mensa auf der Mommsenstraße kein Wort miteinander sprachen. Das hinderte sie aber nicht daran, noch Ende Juli 1939, nach J. M. Cowans erfolgreicher Promotionsverteidigung, gemeinsam auf dem Motorrad, einer schweren BMW, nach Schottland zu reisen. Wenige Jahre später fand sein deutscher Freund als Motorraddepeschenfahrer vor Stalingrad den Tod.
Die Erinnerungen von J. M. Cowan an sein Studium in Dresden machen deutlich, dass zwar die nationalsozialistischen Organisationen den Hochschulalltag wesentlich bestimmten und beträchtlichen Einfluss auf die Studenten ausübten. Andererseits gelang es ihnen nicht, eine totale Herrschaft zu installieren. Viele Studenten suchten und erzwangen für sich Freiräume von dem Totalitätsanspruch der Nationalsozialisten. Die studentischen Organisationen waren gleichgeschaltet, nicht aber alle Studierenden. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Scheitern der Appeasementpolitik der Westmächte änderte sich die Situation der ausländischen Studierenden aus den mit Deutschland im Krieg stehenden Staaten schlagartig. Sie gehörten nun zu den unerwünschten Personen, die das Land schnell verlassen mussten. Teilweise wurden sie interniert, bevor sie ausreisen durften.

Ein erfülltes Leben

Nach dem Krieg arbeitete J. M. Cowan in leitenden Stellen als Elektroingenieur bei MANWEB (Merseyside and North Wales Electricity Board) in Liverpool, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1979 tätig war. Wegen seiner guten Sprachkenntnisse wurde er oft ins Ausland geschickt. Er kann sich immerhin neben seiner Muttersprache in Deutsch, Spanisch, Französisch und Italienisch verständigen.
Häufig hatte er dienstlich in Deutschland und der Schweiz zu tun. Gute Kontakte hatte er insbesondere zu Siemens und zur damaligen Fa. Brown Boweri, der heutigen ABB. Gern gesehen war er auf den Fachmessen, wie der "Interkama" in Köln.
In seiner Freizeit interessierte er sich für deutsche Literatur, besuchte oft die "Liverpool International Library". Die Familie nahm seit den sechziger Jahren deutsche Studenten zu Gastaufenthalten auf.
Einige Jahre vor seiner Pensionierung erfüllte er sich einen Traum und kaufte sich eine kleine Yacht, die er "Friska" taufte, nachdem er viele Jahre in Jollen gesegelt war. Er verbrachte viele glückliche Stunden in den irischen Gewässern rund um die Insel Anglesey. Mit seiner Frau unternahm er außerdem ausgedehnte Wanderferien; meistens in den Schweizer Bergen, da seine Tochter sich mit Familie in der Schweiz niedergelassen hatte. Seine Enkelkinder studieren gegenwärtig an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Vielleicht setzen sie ihre Studien wie ihr Großvater in Dresden fort? 

Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Tochter von James Macmillian Cowan, Frau Rosemary Smeets, und seinem Enkelsohn Alexander Smeets (beide Zürich).

Stand: 03.02.2005 10:59
Autor: Dr. Matthias Lienert

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