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Über unsMitteleuropaZentrum
Das MitteleuropaZentrum
Mitteleuropa – ein Utopischer Ort? ‚Mitteleuropa’, eben erst neu entdeckt, scheint schon wieder zu verschwinden. Vor kaum mehr als einem Jahrzehnt war ‚Mitteleuropa’ noch der Name, in dem sich Hoffnung, Überraschung, Zuversicht bündelten. „Mitteleuropa ist wieder da!“ So hatte Timothy Garden Ash die Freiheitsrevolutionen von 1989 kommentiert und damit zugleich exemplarisch für viele die Einheit eines Raumes angesprochen, den wir sonst als Nordost-, Mittelost- und Südosteuropa einzuteilen gewohnt sind. Es war der Raum des Aufbruchs zur Demokratie. ‚Mitteleuropa’ war schon in den 1980er Jahren der Name für jene Länder westlich von Rußland und östlich des ‚Eisernen Vorhangs’ geworden, die Milan Kundera als einen „occident kidnappé“ bezeichnet hatte. Nun, nach 1989, schienen sich hier neue Wege zur Demokratie und Zivilgesellschaft zu öffnen. Intellektuelle schienen den Gang der Politik bestimmen zu können, und sie diskutierten über ein Mitteleuropa, das sich von einer ‚Konfliktgemeinschaft’ zu einer Zukunftsgemeinschaft wandeln sollte. In Polen waren zudem zwar langwirkende Traditionen eigener Territorialität und ein besonderes Verhältnis zum Nationalstaat wirksam; dennoch nahmen polnische Intellektuelle wie Adam Michnik ebenso wie Václav Havel in der Tschechoslowakei oder György Konrád in Ungarn an einem Gespräch und einer Debatte teil, in denen es auch um die Frage ging, wie die moralischen Gegeneliten der Zeit vor 1989 diese mitteleuropäische Zukunft prägen könnten. Von anderer Seite wurde freilich kühl konstatiert: Was die aus dem sogenannten ‚Ostblock’ entlassenen Staaten in der Mitte, im Nord- und im Südosten Europas zu leisten hätten, sei schlicht ein Nachholen von Modernisierungsprozessen, sei ein möglichst schnelles Sich-Angleichen an die Normalität des Westens. Die Transformation kam denn auch schnell in Gang, wissenschaftlich beobachtet von einer Transformationsforschung in Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikwissenschaft. Für den Gedanken an ‚Mitteleuropa’ blieb der Bereich der Kultur reserviert. So schien sich im Prozeß der „Renaissance des Mitteleuropagedankens“ bereits zu bestätigen, was György Dalos 1990 in seinem Essay „Mitteleuropa: Nostalgie und Pleite“ festgestellt hatte: Mitteleuropa wurde als eine konkrete ‚Utopie’ „im osteuropäischen Dissidentenmilieu“ erfahren – oder erfunden. „Es entstand ein Europabild ohne Russen und Amerikaner als eine Art geistiger Binnenmarkt; blockübergreifend und jenseits der Realitäten.“
Das MitteleuropaZentrum (MeZ) akzeptiert diese Ausdifferenzierung der Sphären und der Forschungsperspektiven; es will allerdings mit seiner Arbeit in Wissenschaft und Öffentlichkeit doch immer wieder die Gemeinsamkeit Mitteleuropas bewußt machen. Es will – kurz gesagt – die interdisziplinäre Erforschung des mitteleuropäischen Raumes, seiner Städte, Regionen und Nationalstaaten vorantreiben. Das MitteleuropaZentrum für Staats-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften wurde im Jahr 2000 als Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung der Technischen Universität Dresden gegründet. Es wird institutionell unterstützt durch kulturwissenschaftlich ausgerichtete Professuren der Fächer Germanistik und Slavistik sowie durch solche für Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Internationales Recht, Sozialgeographie, Kommunikationswissenschaft, Osteuropageschichte und Kunst- und Musikwissenschaft. Das MeZ ist ein Projektträgerzentrum für interdisziplinäre Arbeiten. Als Urheber und Koordinator interdisziplinärer wissenschaftlicher Projektarbeit sowohl im Bereich der Forschung als auch der Lehre und des Wissenstransfers steht es im Mittelpunkt eines inneruniversitären Netzwerks. In der Gründung des Zentrums kreuzen sich die Entwicklungsstrategien der TU Dresden, die seit 1991 zu einer Volluniversität mit einem breiten Fächerspektrum erweitert wurde, mit der Aktualität der Fragestellung. Das MeZ ist jedoch nicht nur den Aufgaben der Gegenwart verpflichtet, sondern begreift Mitteleuropa auch als einen Geschichtsraum.
Geographische Festlegungen fixieren die Mitte Europas in der südwestlichen Ukraine im Rayon Rachiw. Andere Messungen verweisen – symmetrisch gespiegelt – auf den Nordosten. Auf die wahre europäische ‚Mittellage’ hingegen haben schon früh Deutschland, Böhmen – das ‚Herz Europas’ –, und Polen einen Anspruch erhoben; die politisch-kulturelle Debatte um ‚Mitteleuropa’ seit den siebziger Jahren schließlich bezieht auch die Staaten im geographischen Südosten des Kontinents mit ein. So ist ‚Mitteleuropa’ in der Geschichte stets ein politisch überformter und kulturell gedeuteter Raum gewesen.
Eine Kulissenlandschaft darf so freilich nicht entstehen; neben diesen zukunftsfähigen Entwicklungen muß – wie es sich das MeZ auch vornimmt – zugleich eine kulturelle Gedächtnisbildung gepflegt werden, die sich der Blüte und der Vernichtung der jüdischen und deutsch-jüdischen Kultur gerade in diesem Raum widmet.
Die profilbildende, nur interdisziplinär anzugehende Leitfrage des MeZ zielt auf die Kategorien von ‚Räumlichkeit‘ selbst, die – politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, kulturellen – Konstituenten eines ‚Raumes‘ und deren Wechselspiel. ‚Mitteleuropa‘ bietet eine exemplarische ‚Problemlage‘ (Jürgen Mittelstraß) für ein interdisziplinäres Forschungsinteresse, gerade weil sich die wissenschaftliche Re-Konstruktion auf vielfältige und komplexe Konstruktionen einer ‚mitteleuropäischen Wirklichkeit‘ zu beziehen hat. Die Bezeichnung als Projektträgerzentrum impliziert, daß das MitteleuropaZentrum wohl eigenständig Projekte entwickeln, sie aber nicht mit eigenen Mitteln durchführen kann. Die Arbeit bewegt sich gleichsam auf einer Linie, deren Koordinaten von langfristigen Konzepten einerseits, von Antragsbedingungen und Fördermöglichkeiten andererseits bestimmt werden. Wie es angesichts der Gliederung des Raumes und angesichts der besonderen Lage Dresdens – einer Stadt, die von der Europäischen Union als ‚gateway-city’ herausgehoben wurde – gar nicht ausbleiben kann, bilden die Verbindungen mit polnischen und tschechischen Partnern und die Arbeiten, die sich auf die ebenso schwierige wie chancenreiche Nachbarschaft der Polen, Deutschen und Tschechen in Mitteleuropa und der Europäischen Union beziehen, einen Schwerpunkt der Arbeit des MeZ. Denn für unser Forschungsinteresse bietet ja das eben entstehende neue Regionalbewußtsein in Polen, wie es sich hier in den umfassenden Prozeß des ‚region building’ im Ostseeraum einbringt, geradezu einen exemplarischen Fall. Die Identitätsdebatten im Norden wie in den schlesischen Provinzen öffnen ein Forum aktueller Diskussion für unser Forschungsinteresse. Größere Projekte mit Südosteuropa, einem Raum, der Neuorientierung im Zuge der EU-Erweiterung, schließen sich hier an. Mit seinen Mitteln bemüht sich auch das MeZ, für solche Diskurse eine internationale Öffentlichkeit zu schaffen. Deshalb wird es immer wieder darum gehen, Vergleiche zu ziehen und sich damit dem Ziel anzunähern, das jenseits aller einzelnen Absichten steht: die Länder Mitteleuropas, den Raum ‚Mitteleuropa’ zum Teil eines neuen Europa zu machen. Unsere Arbeit will Teil eines Prozesses gesellschaftlicher Reflexion sein, für den die Mauern der Universität keine Grenze bedeuten können. Wir suchen deshalb stets auch den Dialog mit der Öffentlichkeit, mit den Medien, mit der Politik wie der Wirtschaft, und wir wählen Präsentationsformen und -foren, die nicht ausschließlich und nicht zuerst auf die akademische Kommunikation zugeschnitten sind.
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