CALL FOR PAPERS
1810 1910 2010: INDEPENDENCIAS DEPENDIENTES - INDEPENDÊNCIAS DEPENDENTES - BEDINGTE UNABHÄNGIGKEITEN
Anlässlich der zweihundertsten Jahrestages der ersten Unabhängigkeitserklärungen von iberoamerikanischen Staaten plant die Carl-Justi-Vereinigung ein internationales kunsthistorisches Kolloquium mit dem Titel: „1810 1910 2010: Independencias dependientes - Independências dependentes - Bedingte Unabhängigkeiten“, das vom 8. bis zum 11. April 2010 in Dresden stattfinden soll.
Interessenten für Beiträge sind eingeladen, sich bis zum 15. März 2009 mit einem Resümee von maximal 300 Worten, einem kurzen Lebenslauf und der Liste der jüngsten Publikationen bei folgenden Adressen zu bewerben:
Konzept der Tagung
2010 jähren sich zum zweihundertsten Mal die ersten Unabhängigkeitserklärungen der Staaten Iberoamerikas, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur vollständigen staatlichen Souveränität der ehemaligen Vizekönigreiche und Kolonien auf dem Subkontinent führten. Diese Entwicklung hing aufs Engste mit der damaligen politischen Situation in Europa zusammen: Die Führerschaft des Königreichs Spanien fiel während seiner napoleonischen Besetzung als Zentrum seiner Vizekönigreiche vollständig aus, während die portugiesische Kolonie Brasilien zum Exil des Hofes wurde und das Land damit soviel Selbstbewusstsein erlangte, dass es sich wenige Jahre später für unabhängig erklären konnte der brasilianische Kaiser ging aus der portugiesischen Königsfamilie hervor.
Sowohl die napoleonischen Kriege in Europa und der sich in diesem Zuge entfaltende Nationalismus der europäischen Länder als auch die staatlichen Unabhängigkeitsbewegungen auf dem amerikanischen Kontinent waren Teil eines nachhaltigen kulturhistorischen Wandels, der damals in Gang gesetzt wurde. Dieser Prozess, und nicht alleine die Ereignisse des Jahren 1810, wird im Mittelpunkt der Tagung stehen. 1810 wird dabei als ein historisch markierter Initialpunkt einer für Iberoamerika wie für Europa relevanten Umbruchszeit aufgefasst. Von diesem Datum ausgehend sollen zwei Hauptlinien verfolgt werden, von denen die eine als prospektiv und die andere als retrospektiv beschrieben werden kann: Die „prospektive“ verfolgt die Beziehungen zwischen der lateinamerikanischen und der europäischen Kunst seit 1810, während die „retrospektive“ auch unter komparativen Aspekten den Blick auf die zahlreichen architektonischen und bildkünstlerischen Manifestationen der Gedächtnisstiftung von Unabhängigkeiten richten soll wobei hier Konstruktionen von Identität sichtbar werden, die nicht immer mit den historisch rekonstruierbaren Ereignissen in Deckung zu bringen sind.
Das Motto „Independencias dependientes Independências dependente s Bedingte Unabhängigkeiten“ hat deshalb doppelte Bedeutung: Untersucht werden die Bedingtheit kultureller Unabhängigkeit und die zur Verstetigung der Unabhängigkeit als notwendig erachteten künstlerischen Konstruktionen, von denen erfolgreich inszenierte Unabhängigkeit abhängig war.
Der Tagung liegt die Idee zugrunde, dass die Konstruktion von Nationalstaaten ohne eine symbolische Inszenierung nicht erfolgreich sein kann. Gerade die Kunstgeschichte als Bildwissenschaft im Sinne der Erforschung von politischer und historischer Ikonographie ist in der Lage, solche symbolischen Konstruktionen erkennen und bewerten zu können.
Der Termin 1810 wird international zum Anlass für zahlreiche Veranstaltungen genommen, in die sich das Dresdner Kolloquium auf spezifische Art einreihen und von denen es sich aber auch unterscheiden möchte: Denn da sich die Carl Justi-Vereinigung den internationalen wissenschaftlichen Austausch auf dem Gebiet der Kunstgeschichte zum Ziel gesetzt hat, bietet sich ein von ihr veranstaltetes Kolloquium an, die künstlerisch relevanten Entwicklungen in Iberoamerika und Europa parallel zu betrachten. Hier ist allerdings nicht an ein zweipoliges Modell des Kulturaustauschs zu denken, da die Beziehungen der lateinamerikanischen Staaten zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die eine hinsichtlich ihrer Modernität gesteigerte Version der europäischen Kultur repräsentierten, als bedeutender Faktor einzubeziehen sind.
Themen
- Der differenzierte Blick auf Europa.
- Architektur: Welche Bauten und Architekten galten in den Staaten Lateinamerikas als vorbildlich? Bezog sich die Präferenz auf ganze Länder, etwa Frankreich oder England? Welche Rolle spielten dabei noch die alten Mutterländer Spanien und Portugal (Phänomen neo-plateresco um 1900)? Wurde die deutsche Architektur wahrgenommen? Wie ist dieses Rezeptionsfeld innerhalb des amerikanischen Kontinents zu differenzieren? Welche europäischen Architekten arbeiteten in Iberoamerika (z.B. deutsche Architekten in Brasilien und in der La Plata-Region)?
- Malerei und Skulptur: An welche akademischen Traditionen Europas knüpfte man in welchen Kunstzentren an? Waren damit auch bestimmte Stiloptionen verbunden? Wie rasch und intensiv wurden die in den europäischen Zentren rasch aufeinander folgenden Innovationen und künstlerischen Revolutionen in Lateinamerika rezipiert?
- Komparative Analyse: Parallele kulturelle Entwicklungen in Europa und Lateinamerika.
Welche Parallelentwicklungen innerhalb der politischen und kulturellen Geschichte lassen sich innerhalb des 19. Jahrhunderts konstatieren, wie wurden sie künstlerisch verarbeitet?
- Amerika vs. Amerika
Wie entwickelten sich die Bilder nationaler und übernationaler Identität der Staaten Iberoamerikas im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten? Gab es eine überwölbende Identität der spanisch- und portugiesischsprachigen bzw. der mit der Iberischen Halbinsel verbundenen Länder in Abgrenzung gegenüber der „Yankee“-Kultur? Wie äußerte sich dies in der bildenden Kunst und Architektur?
- Tradition als Konstrukt die Inszenierung nationaler Vergangenheiten
- Die Entdeckung der präkolumbianischen Kunst: Welche Rolle spielten europäische und nordamerikanische Entdecker im Vergleich zu einheimischen Archäologen? Wie erfolgte die Aneignung der präkolumbianischen Kunst als nationales Erbe in einzelnen Staaten? Hier ist insbesondere die Vorreiterrolle Mexikos zu beleuchten.
- Die Entdeckung des kolonialen Erbes: Nach der Abgrenzung gegenüber der gerade überwundenen Kolonialzeit in der Folge von 1810 erfolgte im späten 19. Jahrhundert eine erneute Aneignung des kolonialen Erbes in den Nationalstaaten Iberoamerikas. So entfaltete sich insbesondere in Brasilien, Peru und Mexiko eine Architektur, die bewusst an Strukturen und Dekorformen der Kolonialzeit anknüpfte. Wurde diese nun bewusst als nationales Erbe akzeptiert? Wurde hier eine amerikanische Tradition in Abkehr von Europa gesucht? Welche Verbindungen bestehen zu parallelen Aneignungen kolonialer Traditionen in Nordamerika (Shingle Style, Monterrey Style)? Welche Rolle spielten die Traditionen religiöser Malerei der Kolonialzeit noch im 19. Jahrhundert?
- Die gesellschaftliche Funktion der Kunst in den Nationalstaaten Lateinamerikas
- Die akademische Kunst ist primär als Kulturphänomen der europäischstämmigen Eliten zu begreifen, die dazu beitrug, die krassen sozialen Differenzen innerhalb der labilen Nationalstaaten Lateinamerikas zu zementieren. Gab es dennoch sozialkritische Ansätze innerhalb der bildenden Kunst, verbunden etwa mit Realismus-Konzepten? Welche Rolle spielte die religiöse Kunst, die in ihrer Kultpraxis breite Volksschichten, auch der indigenen Bevölkerung, einbezog? Waren an der Erstellung religiöser Bilder Künstler und Kunsthandwerker aus unteren sozialen Klassen beteiligt?
- Gab es in der Architektur, parallel etwa zu den USA, Ansätze zu einer vernakularen Bewegung? Spielte die einfache Volksarchitektur eine Rolle als Modell für die Entwicklung neuer baulicher Strukturen?
- Die akademische Kunst ist primär als Kulturphänomen der europäischstämmigen Eliten zu begreifen, die dazu beitrug, die krassen sozialen Differenzen innerhalb der labilen Nationalstaaten Lateinamerikas zu zementieren. Gab es dennoch sozialkritische Ansätze innerhalb der bildenden Kunst, verbunden etwa mit Realismus-Konzepten? Welche Rolle spielte die religiöse Kunst, die in ihrer Kultpraxis breite Volksschichten, auch der indigenen Bevölkerung, einbezog? Waren an der Erstellung religiöser Bilder Künstler und Kunsthandwerker aus unteren sozialen Klassen beteiligt?
- Das Bild Lateinamerikas in der europäischen Kultur des 19. Jahrhunderts
- Der Natur-Kontinent: Ähnlich wie im Fall von Afrika, Australien und Ozeanien wurden die europäischen Vorstellungen von Süd- und Mittelamerika primär von Bildern einer wilden, erhabenen Natur geprägt. Eine herausragende Rolle spielte hier jedoch die Forschungsreise Alexander von Humboldts und deren monumentale Publikation mit Humboldt hat das wissenschaftliche Naturbild eine neue Prägung erfahren und Landschaftsmaler, wie Friedrich Bellermann, entscheidend angeregt. Inwiefern unterschieden sich die wissenschaftliche und die künstlerische Sicht auf die südamerikanischen Naturlandschaften? Welche Rolle spielte Humboldt als heroische Gestalt für die Konstruktion nationaler Identitäten in Lateinamerika?
- Altamerikanische Kulturen als Naturphänomen: Gattungsübergreifend ist zu fragen, inwiefern die Monumente der präkolumbianischen Kulturen (insbesondere Mexikos) im Zusammenhang mit der umgebenden Natur gesehen wurden. Führte die Verbindung von Kunst und Natur hier zu einer Dämonisierung fremder Kulturen?
- Der europäische Blick auf die amerikanischen Staaten der Gegenwart: Ließ die Faszination für den steilen politisch-technologischen Aufstieg der USA Raum für ein differenziertes Lateinamerikabild im Europa des 19. Jahrhunderts? Wie wurden Zeitereignisse in Bilder umgesetzt?
- Der Natur-Kontinent: Ähnlich wie im Fall von Afrika, Australien und Ozeanien wurden die europäischen Vorstellungen von Süd- und Mittelamerika primär von Bildern einer wilden, erhabenen Natur geprägt. Eine herausragende Rolle spielte hier jedoch die Forschungsreise Alexander von Humboldts und deren monumentale Publikation mit Humboldt hat das wissenschaftliche Naturbild eine neue Prägung erfahren und Landschaftsmaler, wie Friedrich Bellermann, entscheidend angeregt. Inwiefern unterschieden sich die wissenschaftliche und die künstlerische Sicht auf die südamerikanischen Naturlandschaften? Welche Rolle spielte Humboldt als heroische Gestalt für die Konstruktion nationaler Identitäten in Lateinamerika?
- 1810-1910
Im Jahre 1910 sieben Jahre vor der russischen Oktoberrevolution brach in Mexiko die erste erfolgreiche sozialistische Revolution aus. Hier zeigte sich zum ersten Mal, dass Lateinamerika auch im welthistorischen Maßstab eine Avantgarderolle spielen konnte. Für die Tagung „Independencias dependientes“ soll das Datum 1910 eine Perspektive liefern, die die für das 19. Jahrhundert relevanten Fragestellungen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen fokussiert. Dies betrifft vor allem folgende Themenkomplexe:
- Hinsichtlich der politischen Programmkunst des 20. Jahrhunderts in Mexiko (muralismo) ist zu fragen, inwiefern die Voraussetzungen dafür bereits im 19. Jahrhundert geschaffen wurden. Gleiches gilt für die sozialkritisch angelegte Kunst in anderen lateinamerikanischen Ländern.
- Die präkolumbianische Kunst und Architektur Mexikos wurden im 20. Jahrhundert als historischer Ankerpunkt der neuen Staatskultur inszeniert. Lässt sich diese „invention of tradition“ bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen?
- Hinsichtlich der politischen Programmkunst des 20. Jahrhunderts in Mexiko (muralismo) ist zu fragen, inwiefern die Voraussetzungen dafür bereits im 19. Jahrhundert geschaffen wurden. Gleiches gilt für die sozialkritisch angelegte Kunst in anderen lateinamerikanischen Ländern.